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kunst, menschen, werte Das Journal kunst, menschen, werte Das Journal Grisebach | kunst, menschen, werte | Das Journal | Erste Ausgabe, Herbst 2011 Erste Ausgabe, Herbst 2011 Mit Beitr”gen von Georg Baselitz, Wolfgang B¸scher, Florian Illies, Claus Kleber, Daniela Danz, Peter Raue, Gustav Seibt, Uwe Tellkamp und Wilfried Wiegand

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Jubil”umsauktionen 24. - 26. November 2011 in Berlin Einlieferungen jetzt erbeten! 25 Jahre Villa Grisebach Jubil”umsauktionen 24. - 26. November 2011 in Berlin Villa Grisebach Auktionen GmbH Berlin Bernd Schultz / Micaela Kapitzky / Dr. Markus Krause / Florian Illies Fasanenstraþe 25 D-10719 Berlin Telefon +49-30-885 915-0 Telefax +49-30-882 41 45 auktionen@villa-grisebach.de Dortmund Wilfried Utermann Galerie Utermann Silberstraþe 22 D-44137 Dortmund Telefon +49-231-4764 3757 Telefax +49-231-4764 3747 w.utermann@villa-grisebach.de Repr”sentanzen Norddeutschland Stefanie Busold Sierichstraþe 157 D-22299 Hamburg Telefon +49-40-46 00 90 10 busold@villa-grisebach.de Rheinland/Ruhrgebiet/Benelux Villa Grisebach Auktionen Daniel von Schacky Bilker Straþe 4-6 D-40213 D¸sseldorf Telefon +49-211-86 29 21 99 schacky@villa-grisebach.de Baden-W¸rttemberg Dr. Andrea Jahn Liststraþe 70 D-70180 Stuttgart Telefon +49-711-470 97 22 jahn@villa-grisebach.de Bayern Villa Grisebach Auktionen DorothÈe Gutzeit Prannerstraþe 13 D-80333 M¸nchen Telefon +49-89-22 76 32/33 gutzeit@villa-grisebach.de Westfalen Donata von Daniels Barkhauser Weg 22 D-33818 Leopoldsh–he Telefon +49-5202-20 22 daniels@villa-grisebach.de Hessen Dr. Arnulf Herbst Aystettstraþe 4 D-60322 Frankfurt a. M. Telefon +49-69-97 69 94 84 herbst@villa-grisebach.de Schweiz Villa Grisebach Auktionen AG Verena Hartmann Bahnhofstraþe 14 CH-8001 Z¸rich Telefon +41-44-212 88 88 auktionen@villa-grisebach.ch USA/Kanada Villa Grisebach Auctions Inc. Monika Stump Finane 120 East 56th Street, Suite 635 USA-New York, NY 10022 Telefon +1-212-308 07 62 auctions@villa-grisebach.com IMPRESSUM GRISEBACH KUNST, MENSCHEN, WERTE Das Journal Erste Ausgabe, Herbst 2011 Auflage: 30.000 Exemplare © Villa Grisebach Auktionen GmbH Fasanenstraþe 25 … 10719 Berlin Redaktion: Florian Illies (V.i.S.d.P.) … Villa Grisebach Konzept & Gestaltung: Groothuis, Lohfert, Consorten www.glcons.de … Hamburg Koordination: Daniel Lamprecht … Villa Grisebach Fotos der Kunstwerke: Karen Bartsch … Fotostudio Bartsch … Berlin Lithographie: Ulf Zschommler … Villa Grisebach Lithographie, Druck und Bindung: K–nigsdruck GmbH … Berlin Bildnachweise: © VG Bildkunst, Bonn 2011 (Seiten 4, 5, 12/13, 15, 16/17, 20/21, 49, 51) © Elisabeth Nay-Scheibler, K–ln/ VG Bild-Kunst, Bonn 2011 (R¸cktitel) © Martin M¸ller … Berlin (Seite 24) © H. K¸hn (Rechtsnachfolge), 2011 (S. 25, 26) © Marek Pozniak … Berlin (Seiten 32-39) Fasanenstraþe 25 … D-10719 Berlin Telefon: +49-30-885 915-0 Telefax: +49-30-882 41 45 Weitere Informationen und alle Termine unter www.villa-grisebach.de

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d i e k u n s t im leben Grisebach entdecken n diesem Herbst feiert Villa Grisebach ihr 25j”hriges Bestehen. F¸r uns ist dieses Jubil”um Anlaþ f¸r drei wesentliche Erweiterungen. Die erste halten Sie gerade in Ihren H”nden: Das Grisebach-Journal ¸ber Kunst, Menschen und Werte wird Ihnen den Geist unseres Hauses regelm”þig auf besondere Weise nahebringen - dieses Magazin erz”hlt mit hochkar”tigen Autoren aus ungew–hnlicher Perspektive die Geschichten hinter den Werken unserer n”chsten Auktion. Konzipiert und ediert wird das Journal von unserem neuen Partner Florian Illies. So k–nnen Sie sich schon jetzt ein erstes Bild von einigen H–hepunkten unserer Jubil”umsauktion machen - und ¸berlegen, mit welchen Werken aus Ihrer Sammlung Sie dieses Angebot noch bis Ende September bereichern m–chten. Am 1. September haben wir einen gewichtigen Akzent in Nordrhein-Westfalen gesetzt: die Er–ffnung von eigenen Gesch”ftsr”umen in D¸sseldorf. Daniel von Schacky wird diese neue Repr”sentanz leiten. Er war zuvor f¸nf Jahre in f¸hrender Position unseres Hauses in Berlin t”tig. Die neue Dependance tr”gt dem immer gr–þeren Interesse der Sammler aus dieser Region f¸r die Villa Grisebach Rechnung. Und schlieþlich werden wir anl”þlich des Jubil”ums erstmals eine eigene Auktion f¸r die Kunst des 19. Jahrhunderts veranstalten. Aber jetzt laden wir Sie herzlich ein zu einer kleinen Vorschau auf unser Angebot aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert in Malerei, Skulptur, Zeichnung und Fotografie. Mit sehr freundlichen Gr¸þen aus Berlin, auch im Namen meiner Partner Ihr Bernd Schultz Titelseite: Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Anna Bilinska. 1857-1893 ªSchwarze mit goldener Kette´. 1884 ÷l auf Leinwand. 64 × 50,5 cm Sch”tzpreis: EUR 12.000 - 15.000

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Eine Wand im Tempel der Sehnsucht Aus unserer Auktion am 26. November 2011 Lyonel Feininger. ª4 Ghosties´, 1953 Aquarell und Tuschfeder auf Briefpapier 10 × 12 cm (27,7 × 20,9 cm) Sch”tzpreis: EUR 6.000 - 8.000 ª3 Ghosties´, 1953 Aquarell und Tuschfeder auf Papier 7 × 9 cm (17,4 × 21,5) Sch”tzpreis: EUR 6.000 - 8.000 Lyonel Feininger ªKirche mit Haus und Baum´. 1936 Aquarellierter Holzschnitt auf Briefpapier Insgesamt 3 Briefe 6 x 7 cm (27,5 × 21,6 cm) Sch”tzpreis: EUR 5.000 - 7.000

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i m tem pe l d er s eh n s u ch t 5 Einblicke in eine Herzkammer der Moderne: Arbeiten auf Papier aus der legend”ren Sammlung Ralfs m September 1923 fuhren K”te und Otto Ralfs von Braunschweig aus in die Bauhaus-Ausstellung in Weimar - und in diesem Moment war es um die beiden geschehen. Sie kauften an Ort und Stelle von Paul Klee den ªNachtfaltertanz´, den ªGelben Vogel´ und ªEine Wand im Tempel der Sehnsucht´. Ein Jahr sp”ter rief Otto Ralfs in seiner Heimatstadt die Gesellschaft der Freunde Junger Kunst ins Leben - und diese Gesellschaft und vor allem das Ehepaar Ralfs selbst sorgten daf¸r, dass Braunschweig in kurzer Zeit zu einem Mittelpunkt der k¸nstlerischen Moderne wurde. Bereits das Signet des Vereins wurde von Kandinsky entworfen - und damit ein spektakul”res Qualit”tsniveau etabliert. Ralfs als Vorsitzender der Gesellschaft zeigte in kurzen Abst”nden Ausstellungen von Nolde, Macke, Schwitters, Ensor, Feininger, Beckmann, Jawlensky, Modersohn-Becker, der Neuen Sachlichkeit, Klee und Kandinsky. Mit untr¸glichem Qualit”tsgesp¸r versammelte Ralfs in Braunschweig das, was heute die klassische Moderne genannt wird. Im G”stebuch des Ehepaares haben sie alle ihre Spuren hinterlassen - waren sie doch meist anl”sslich der Ausstellungser–ffnungen Gast im Hause Ralfs in der Hamburger Straþe 2. Zugleich wuchs deren Sammlung - es war, so Henrike Junge in dem Buch ªAvantgarde und Publikum´, die gr–þte KandinskyKollektion nach der von Solomon Guggenheim und die gr–þte Klee-Sammlung der zwanziger Jahre. Aus unserer Auktion am 26. November 2011 Lyonel Feininger. ª5 Spielzeugh”user´. 1920er Jahre Jeweils Holz, ges”gt und gefasst. Zwischen 7,4 × 3,5 × 2 cm und 7,8 × 6,4 × 2,5 cm Sch”tzpreis: EUR 9.000 - 12.000

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Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Emil Nolde, ªBlumen´ Aquarell auf Japan 22 × 26 cm Sch”tzpreis: EUR 60.000 - 80.000 Rechte Seite: Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Paul Klee, ªMerkblatt´. 1938 Kleisterfarbe auf Zeitungspapier auf Karton 32,7 × 24,2 cm Sch”tzpreis: EUR 80.000 - 120.000 Schon 1933 mussten die Ralfs ihre F–rderung der Moderne einstellen, ihre Schenkung an das Braunschweiger Museum wurde als ªentartet´ beschlagnahmt, die Nazi-Herrschaft unterbrach das Regiment der Moderne auf brutale Weise, im Krieg dann lieþ Otto Ralfs in einer Verzweiflungstat Teile seiner einzigartige Sammlung von Braunschweig aus nach Kattowitz bringen, wo er stationiert war. Das gesamte Konvolut ist bis heute verschollen. Die nicht ausgelagerte Habe wurde zu groþen Teilen bei der Bombardierung Braunschweigs am 14. Oktober 1944 zerst–rt. Nach dem Krieg und dem groþen Verlust von zahllosen Werken baute das Ehepaar Ralfs in Braunschweig eine Kunsthandlung auf - die sich neben den Helden der Moderne auch den regionalen K¸nstlern wie Otto Gleichmann oder Thilo Maatsch widmete. Zugleich hielt das Ehepaar weiterhin Kontakt zu den K¸nstlerfreunden, die den Krieg ¸berlebt hatten - vor allem zu dem Ehepaar Feininger im fernen Amerika entwickelte sich ein langj”hriger Briefwechsel, der von den N–ten der Nachkriegszeit erz”hlt. Und durch dessen Zeilen doch immer wieder das goldene Licht der zwanziger Jahre scheint. Wenn Villa Grisebach nun am 25. November in Berlin Werke aus der Sammlung Ralfs versteigern kann - so werden darunter auch jene Briefe Feiningers sein, die er mit zahlreichen Aquarellen geschm¸ckt hat. Auch die feurige ªRotblonde´, mit der Emil Nolde in einem Brief Otto Ralfs dankt, erz”hlt von den leidenschaftlichen Beziehungen zwischen den K¸nstlern und ihrem Sammler und Galeristen. Das ªMerkblatt´ von Paul Klee schlieþlich ist wie ein stilles Echo jener einst gr–þten und dann zerschlagenen und zerst–rten KleeSammlung Europas - und doch ist es angesichts der Modernit”t seiner ikonographischen Zeichen auch ein Merkzettel mit einem groþen Ausrufezeichen, das auf immer an K”te und Otto Ralfs erinnern wird. Eine Wand immerhin, oder zwei, sind uns geblieben vom Tempel der Sehnsucht der Moderne, die das Ehepaar Ralfs einst in Braunschweig errichtet hat. florian illies

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Wer ist wem ¸berlegen? Stolz und Vorurteil und der Atem des Indianers wolf g a ng b¸scher ¸ber eine Fotografie von Edward Sheriff Curtis Aus unserer Auktion am 24. November 2011 Edward Sheriff Curtis, ªA Walpi Man´. 1921 Photograv¸re. 39 × 28,7 cm (49,8 × 40 cm) Plate 424. Aus: ªThe North American Indian´ Sch”tzpreis: EUR 2.500 - 3.500

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Edward Sheriff Curtis, Selbstportr”t, 1899 m Leben des amerikanischen Fotografen Edward Sheriff Curtis gab es zwei Konstanten: die Indianer, die ihn so sehr faszinierten, daþ er zum Erforscher ihrer verschwindenden Welt wurde, und seine eigenen Geldn–te. Beides hing zusammen. Kurz vor 1900, wenige Jahren nach dem Massaker von Wounded Knee, das die Indianerkriege des 19. Jahrhunderts beendete und den Untergang des indianischen Amerika besiegelte, machte sich Curtis daran, die Indianer in deren Stammesgebieten aufzusuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zu fotografieren und zu beschreiben - ihre Lebensweise und ihre Rituale, die Besonderheiten und feinen Unterschiede der St”mme. Ein erster Band mit Aufnahmen von St”mmen der Great Plains, der groþen Ebenen zwischen dem Missouri und den Rocky Mountains, erschien 1907. 19 weitere B”nde folgten. Sie alle enthielten Curtis' Bilder von den Jagdz¸gen der M”nner und dem harten Alltag ihrer Frauen und Kinder, von religi–sen Zeremonien und den extremen k–rperlichen Qualen, denen sich junge M”nner unterzogen, um eine g–ttliche Vision zu erhalten, vom kriegerischen, dann wieder friedvollen, winterstillen Familienleben in den steinernen Pueblos des S¸dwestens und in den B¸ffellederzelten der Pr”rie. Curtis fotografierte auch die grandiosen Landschaften des Westens und stellte seinen Bildern ethnologische Texte zur Seite - ein gewaltiges Archiv der indianischen Welt von New Mexiko bis Alaska. Edward S. Curtis hatte das Pech, sich seiner Berufung zu einer Zeit hinzugeben, der alles Indianische ver”chtlich war und bestenfalls herzlich egal. Daher seine notorischen Geldsorgen. Dennoch, einzelne M”zene gab es, die weitsichtig genug waren, diesen Mann und sein Werk anzuerkennen. Sein bekanntester F–rderer war Pr”sident Theodore Roosevelt, der seine Familie von ihm fotografieren lieþ. Das weiþe Amerika um 1900 war blutjung. Nach dem brutalen Kampf mit sich selbst, Nord gegen S¸d 1861 bis 1865, dem ersten totalen Krieg der modernen Geschichte, hatten sich seine regul”ren Truppen und teils auch seine demobilisierten Soldaten der ªIndianerfrage´ zugewandt. Die letzten widerspenstigen St”mme waren besiegt, die indianische Welt ging gerade unter, als Curtis - geboren 1868, kurz nach dem B¸rgerkrieg, mitten im auflodernden Indianerkrieg - sie in den neunziger Jahren zu fotografieren begann. Denn Edward Sheriff Curtis lieþ sich vom Desinteresse der meisten Zeitgenossen nicht beirren in seinem Lebenswerk - und nichts weniger war es. Sein ªThe North American Indian´ wuchs bis ins Jahr 1930 auf rund 40.000 Fotografien an, publiziert in 20 B”nden plus noch einmal 20 Portfoliob”nden. Die Auflage indessen sagt alles: 500 Exemplare hatten es werden sollen, es wurden dann 272. Erst in den siebziger Jahren wurde das Werk von Curtis wiederentdeckt, lange nach seinem Tod 1952. Vor allem seine Portr”ts einzelner Indianer, bedeutender H”uptlinge oder Schamanen oder einfacher Unbekannter, erregen seither Interesse.

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a wa lpi m a n 11 ªA Walpi Man´ ist ein Angeh–riger des Walpi-Stammes im Hopi-Gebiet im w¸stenartigen S¸dwesten der usa, vermutlich ein H”uptling. Der Ort Walpi liegt auf der First Mesa, einem der Tafelberge jener Gegend von Arizona, auf denen die seþhaften, Mais und andere Feldfr¸chte anbauenden Hopi ihre Siedlungen, von den Spaniern pueblos genannt, errichteten - zum Schutz vor weiþen Eroberern wie vor nomadischen Indianerst”mmen auf deren Raubz¸gen. Soweit unser Wissen. Dann aber stehen wir vor diesen Portr”ts - und sie schauen zur¸ck. Der Mann dort schaut seinen fernen Betrachter, der all das ¸ber ihn weiþ und denkt, frontal an, und in seinem Blick, im ganzen Ausdruck liegt eine herausfordernde Kraft, man ist versucht zu sagen, ein Wissen, das dem des Betrachters unterlegen sein mag und ihm dennoch in nichts nachsteht. Es ist die gleiche Wirkung, die einzelne Textzeugnisse dieser J”ger haben. Es gibt Reden von H”uptlingen oder Schamanen, die das indianische Drama so g¸ltig und klar formulieren, in so hinreiþenden, zwingenden Bildern, nicht etwa von unten her anklagend, aus einer inferioren Position weit unter unserer Zivilisation, sondern jene groþe Perspektive aufreiþend, die ihr Drama verlangt: Sie sind sich dessen, was geschieht, verzweifelt bewuþt. Sie stellen die schmerzhafte Frage nach den Gr¸nden der Ðberlegenheit des siegreichen weiþen Mannes und des eigenen Untergangs so poetisch, so hart, daþ der Leser den ungeheuren Zeitgraben, der zwischen ihm und der Rede dieses Mannes liegt, f¸r den Moment schlicht vergiþt. Am Grunde der Faszination von Indianerportr”ts wie diesem liegt ein j”hes Erstaunen ihres zeitenfernen Betrachters, ein Irritiertsein, ein schwer begreiflicher Widerspruch: K¸hl betrachtet, lebten diese St”mme als J”ger und Sammler in der Steinzeit. Die Jagd auf die B¸ffel bestimmte den gesamten Lebensrhythmus der nomadisierenden Plains-St”mme. Von ihm lebten sie in fast allem, was sie besaþen. Sie ern”hrten sich, neben den Beeren, die sie sammelten, und Kleintieren, die sie fingen, von seinem Fleisch, kleideten sich in seine Haut, machten ihre Zelte aus gedehnter B¸ffelhaut und ihre Bogensehnen, F”den und Schn¸re aus seinen Sehnen, und noch aus den Knochen des B¸ffels fertigten sie allerhand Ger”te zum Stechen, Schneiden, Wird er sich dessen wieder bewuþt, bleibt jene VerN”hen. wunderung zur¸ck, von der oben die Rede war. Es ist, als habe man dem Redner soeben gegen¸bergestanden, nicht einem sepiaget–nten Bild von ihm, als habe man seinen Atem gesp¸rt. So geht es uns vor den besten Fotografien von Edward Sheriff Curtis. wolfgang b¸scher, Jahrgang 1951, ist Redakteur des zeit-Magazins und Autor groþer kulturgeschichtlicher Landschaftserschlieþungen. Sein Fuþmarsch durch die usa mit dem Titel ªHartland´ eroberte im Sommer 2011 die Bestsellerlisten. Darin befasst er sich ausf¸hrlich mit der Psychohistorie der Indianer.

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Abstraktion ahoi! Wassily Kandinsky und Gabriele M¸nter rudern in Rapallo im Fr¸hjahr 1906 der Moderne entgegen

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a bs tra k tio n a h o i! 15 Vorhergehende Doppelseite: Kandinsky im Ruderboot, Rapallo, Winter 1906/07 Links: Kandinsky und Gabriele M¸nter im Fr¸hjahr 1906 Unten: Kleines Boot mit gerafftem Segel am Strand, Rapallo, Winter 1905/06 ie malt man, wenn man gl¸cklich ist? Vielleicht so wie Wassily Kandinsky an jenem Fr¸hjahrsabend im Jahre 1906. Als die Sonne sank und sich der Wind gelegt hatte, scheint er von der kleinen bewachsenen Villa, der ªCasa Valle Bella´, in Rapallo die Via Montebello hinuntergestiegen zu sein in die Bucht, um dann mit groþer Leidenschaft die Farben direkt aus der Tube auf die kleine Malpappe zu dr¸cken, zu spachteln, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen, die sich im kr”uselnden Mittelmeer spiegelten, und das erste Licht der Nacht, das schon im Haus an der Klippe brannte. Im Zentrum ein Ruderer beim kr”ftigen Zug. Und ¸ber all dem ein leichtes Rosarot, das noch vom Tag erz”hlt, der gewesen ist. Vom 23. Dezember 1905 bis zum 30. April 1906 waren Kandinsky und seine Gef”hrtin Gabriele M¸nter in Rapallo. Die beiden waren auf der Flucht vor der Konvention und auf der Suche nach der neuen Kunst. Zuvor standen vor allem f¸r Gabriele M¸nter dem¸tigende Monate und Jahre, in denen Kandinsky seine einstige Sch¸lerin und sp”tere Partnerin immer wieder vertr–stete: erst weil er seine Frau nicht verlassen konnte, dann, als das geschehen war, weil er M¸nter verbot, ebenfalls in M¸nchen zu leben, damit sie nicht seiner Frau ¸ber den Weg laufen konnte. Nur mit Liebe l”sst sich erkl”ren, warum M¸nter, diese weitgereiste, selbstbewusste Frau und eigenst”ndige K¸nstlerin, auf diese Kontrollwut des russischen K¸nstlers einging und sich monatelang bei ihrer Familie im Wir danken der Gabriele M¸nterund Johannes Eichner-Stiftung f¸r die freundliche Genehmigung zum Abdruck der Fotografien.

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1 6 a b st r a kti on ahoi ! Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Wassily Kandinsky ªRapallo - Boot im Meer´. 1906 ÷l auf Malpappe. 23,9 × 33 cm Sch”tzpreis: EUR 300.000 - 400.000

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1 8 a b st r a kti on ahoi ! Rheinland einquartierte. Zahllose Briefe erz”hlen von ihm entworfenes Kleid, aber sie schaut sehr bedr¸ckt dieser l”hmenden Zeit. Doch 1904 brachen die beiden aus der, ja man kann sagen: W”sche. tats”chlich zu einer ruhelosen Reise durch Europa und Afrika auf, irrten mehr umher, als dass sie wussten, Aber das war nichts im Vergleich zu dem Davor und wohin. Sie waren gemeinsam in Holland, in Tunesien, dem Danach. Denn schaut man sich die Kunst an, die in Dresden, in Mailand, am Schluss in Paris und Sestre. in jener Zeit in Rapallo entstand, dann war Kandinsky Gabriele M¸nter selbst hat diese Jahre, in denen sie von einem positiven Schaffensrausch erf¸llt. Allein aus dem Koffer lebte, in Photographien festgehalten, 23 kleinformatige ÷lstudien aus jenen drei Monaten sodass wir noch heute etwas ahnen k–nnen von der sind bis heute erhalten, daneben zahllose Skizzen - geladenen Atmosph”re zwischen diesen beiden hyper- M¸nter ihrerseits war genauso produktiv. Und aus sensiblen K¸nstlern, die dennoch nicht ohne einander allen Arbeiten spricht eine warme, vorfr¸hlingshafte ¸berleben und malen konnten. So weit ging die Ruhe, eine Freude an den ersten Sonnenstrahlen. Symbiose auch k¸nstlerisch, dass man bis heute Gisela Kleine, die in ihrem 1990 erschienenen Buch manche in jenen Reisejahren entstandenen ÷lstudien ªGabriele M¸nter und Wassily Kandinsky´ diese einzignicht eindeutig einem der beiden zuweisen kann. artige Beziehung auf exzellente Weise aufgearbeitet Beide versuchten sich mit reinen Farben in einer hat, sagt ¸ber Rapallo: ªEs war wohl die ungetr¸bteste neuen, energischen Ausdruckssprache - daneben ent- Zeit, die sie miteinander verbrachten.´ warf Kandinsky Perlenstickereien, Applikationen und Kleider f¸r Gabriele M¸nter mit altrussischen Ihre kleine Villa in der Via Montebello 24 bot genug Mustern, die diese dann webte und n”hte. Es gibt ein Raum, sodass sich beide ein Atelier einrichten konnFoto, das wohl Kandinsky von seiner Gef”hrtin auf- ten - und den Haushalt versorgte eine hervorragend nahm in jenem Winter in Rapallo: Sie tr”gt ein von kochende Italienerin. Der milde Winter beruhigte die

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a bs tra k tio n a h o i! 19 Gem¸ter der beiden, M¸nter, genannt Ella, hatte sich ihr Rad nachschicken lassen, ªweil man ohne Rad doch nur ein halber Mensch ist´, und radelte durch die aufbl¸hende Rivieralandschaft. Kandinsky malte. Wie groþ ihr Einverst”ndnis in Rapallo war, l”sst sich auch daran erkennen, dass Kandinskys Vater aus Russland anreiste, um seine neue Schwiegertochter kennenzulernen. Und fast w”ren Kandinsky und M¸nter ganz dageblieben, er schlug ihr vor, ein Haus am Meer zu kaufen. Aber als er im Fr¸hjahr merkte, dass Schlangen aus ihren Verstecken hervorkamen, brach dieser wundersame Mensch und wunderbare K¸nstler verschreckt auf, und die beiden reisten weiter nach Paris. Geblieben von dieser Zeit in Rapallo ist eine Reihe besonderer Kunstwerke. Fast auf jeder seiner Studien sieht man ein Schiff, ruhend, aufbrechend, ankommend. Psychologen h”tten ihre Freude. Nie kann man Figuren erkennen - nur einmal eine Frau im weiþen Kleid, das Haar altmodisch hochgesteckt, am Hafen. Das ist Gabriele M¸nter, wie der Titel beweist. Und einmal sieht man einen Ruderer - in unserem ªBoot im Meer´. Man darf es ganz sicher auch als eine Art Selbstportrait deuten jenes groþen K¸nstlers, der wusste, dass er sich noch weiter vorank”mpfen musste durch die Wellen. Das erkl”rt den entschlossenen Blick Kandinskys auf dem herrlichen Foto, das M¸nter von ihm auf einem Boot gemacht hat. Denn Kandinsky steckte Anfang des Jahrhunderts k¸nstlerisch etwas fest, war ganz in Ritterromantik und russischer Volkskunst vertieft, und so suchte er durch seine ruhelosen Reisen die malerische Konvention durch spontane Naturstudien und fremde Motive aufzubrechen. Sp”ter wird er ein- mal schreiben, dass es ihm darum geht, durch gesteigerte Wahrnehmung mehr die Psyche als das Auge des Betrachters zu ber¸hren, damit es zu einer ªVibration´ kommt. Diese Unmittelbarkeit der Wirkung dr¸ckt sich in dieser Studie bereits in der Direktheit ihrer Entstehung aus - in der Spontanit”t des Ausdrucks, dem energiegeladenen Auftrag, den Farbbahnen, den Farbstr”hnen, den Farbzungen, die ¸ber den Malgrund zischen. Drei Farbtupfen sind eine italienische Fahne bei Windstille (ein kleiner Jasper Johns avant la lettre). Nat¸rlich flackert daneben der Neoimpressionismus jener Jahre auf, auch die Mosaiktechnik aus Kandinskys gleichzeitigen Temperabildern. Vor allem aber kann man dabei zuschauen, wie sich die Farbe verselbst”ndigt, K–rper wird, Ausdruck. Da ist die Insel der Abstraktion nicht mehr fern, die er drei Jahre sp”ter erreichen wird. Er muss nur noch ein bisschen weiterrudern. florian illies Links: Blick auf die Bucht und Rapallo; Postkarte Oben: Gabriele M¸nter am Strand von Rapallo, Fr¸hjahr 1906

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Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Karl Schmidt-Rottluff ªStilleben mit Ÿpfeln und Flasche´. Um 1909 /1910 ÷l auf Malpappe. 51 × 70,5 cm Sch”tzpreis: EUR 400.000 - 600.000

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ªDiese Ÿpfel sind vollst”ndig deutsch´ Was verbindet Karl Schmidt-Rottluff mit Eberhard Havekost? Oder: Wie die Stadt Dresden die K¸nstler pr”gt, die in ihr wirken - ein Gespr”ch mit dem Dresdner georg baselitz Herr Baselitz, wenn man auf die Kunst der Renaissance und des Barock in Italien blickt, dann kann man noch heute ganz genau sagen, ob ein bestimmtes Werk in Venedig entstanden ist, in Bologna oder in Neapel. Tr”gt auch die Kunst, die im 20. Jahrhundert in Dresden entstanden ist, also vor allem anderen die Malerei der ªBr¸cke´, ihren Entstehungsort in sich? georg baselitz: Wenn man ¸ber lokale Traditionen spricht oder Einfl¸sse, dann spricht man in erster Linie nicht ¸ber Qualit”t. Spricht man ¸ber Qualit”t, dann sollte die Kunst in einem internationalen Bezugsrahmen stehen. Aber international bedeutende Kunst wie etwa die der ªBr¸cke´ kann trotzdem regionales Aroma in sich tragen.

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2 2 g e or g b aseli tz i m gespr ”c h Und wie hat Dresden den ÷sterreicher Kokoscha gepr”gt, ganz zu sich, in der Metropole, ihrem L”rm, ihrer der erst ins Sanatorium von Dr. Lahmann im Stadtteil Hektik, gerade in dieser Unruhe kam sein Strich ganz Weiþer Hirsch kam und dann zum Malen blieb? zu sich. Es endete dann schlecht mit ihm, als er die baselitz: Kokoschka kam aus Wien, wo alle bedeu- Stadt verlieþ. Kirchner ist Stadtkunst. Aber er war von tende Malerei, neben ihm also vor allem bei Schiele, Anfang ein ganz anderer Typus als Schmidt-Rottluff. ungeheuer gepr”gt war von der N”he zur Psychologie Er ist Dorfkunst. Aber das ist sehr positiv gemeint. Freuds, er war ja ein Rasender, fast Wahnsinniger, Wir stehen hier vor dessen ªStilleben mit Ÿpfeln und als er nach der zerbrochenen Liebe zu Alma Mahler- Flasche´, das im November versteigert wird. Werfel nach Dresden kam. Und in Dresden gab es baselitz: Ja, das ist ein typisches Stilleben aus keinen Wahnsinn und keine Psychologie. Hier wurde Schmidt-Rottluffs bester Zeit. Ich muþ sagen, ich liebe gemalt. Und deshalb malte dann auch Kokoschka zur diesen Maler, er ist mir sehr, sehr nahe in seiner, ja man Genesung den wunderbaren Fluþ, den blauen Fluþ. muþ sagen: erdigen, b”urischen Malweise. Man kann Ich kenne keine Bilder aus seinen Dresdner Jahren, alles wie mit H”nden greifen. Da sp¸re ich eine groþe die irgendeine innere Verwandtschaft h”tten mit N”he zu meiner eigenen Malerei. Diese Lust an der seinen Werken aus Wien. Insofern: Ja, diese Stadt Farbe wie an einer reifen Frucht. Er hat trotz aller kann die Maler ver”ndern. Aber auch die Maler die Bodenst”ndigkeit ja dennoch ganz groþe BilderStadt. Kokoschka hat mit seiner farbigen Malweise die findungen gemacht, die Gesichter mit Augenklappe, Dresdner Kunst fast nachhaltiger gepr”gt als die die R–hrenarme ohne Hand, aber auch diese Ÿpfel, ªBr¸cke´, der geisterte noch in den f¸nfziger, sechzi- wie aus Stein gehauen. ger Jahren in allen K–pfen umher. Was sehen Sie, wenn Sie diese Ÿpfel hier sehen? Und wie war das mit der Kunst der ªBr¸cke´? baselitz: Diese Ÿpfel sind vollst”ndig deutsch, baselitz: Das ist viel komplizierter, vor allem weil es ostdeutsch. Ich finde es wichtiger, daþ man das eine Gruppe war, alle sich aneinander orientierten. Ich Deutsche an der Kunst erkennt, als das, was daran war in den f¸nfziger Jahren zum Geldverdienen in s”chsisch oder dresdnerisch ist. Denn deutsch in der Berlin W”rter in einer Pechstein-Ausstellung. Da hatte Kunst heiþt: eigenartig, eigenwillig, eigenk–pfig. ich viele Stunden Zeit, mir die Bilder anzuschauen. Und genau das ist in der Kunst so wichtig. Erst dachte ich, wunderbar, Expressionismus, aber mit Und das Regionale? der Zeit sah ich, wie Pechstein doch oft die Schablonen baselitz: Das schimmert immer durch. Auch bei den nutzte, die Kirchner erfunden hatte. internationalsten K¸nstlern. Picasso kommt aus Der Dresdner Kirchner oder der Berliner Kirchner? M·laga, MirÛ ist Katalane. Und so ist auch ihre Kunst. baselitz: Das ist egal. Kirchner hat in Dresden wun- Haben Sie selbst Schmidt-Rottluff noch kennengelernt? derbar weiche Bilder gemalt, voller Sinnlichkeit. Aber baselitz: Ja! Als ich Student in Berlin war, da war er er war eigentlich der st”dtische Maler, er kam in Berlin Lehrer an der Kunstakademie in Berlin. Doch in den Aus unserer Auktion am 26. November 2011 Eberhard Havekost. ªBeauty´. 1997 Tempera auf Papier (Seite einer Zeitschrift). 30,8 × 23 cm Sch”tzpreis: EUR 20.000 - 30.000

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ge or g baseli tz i m gesp r ”c h f¸nfziger Jahren wollte keiner zu ihm. Man ging zu Warum? Trier, zu Camaro, zu Thieler - die hatten Zulauf. baselitz: Ich bin ja beileibe nicht der einzige Aber der alte Mann mit dem B”rtchen irrte wie ein Dresdner, der in den Westen gegangen ist. Denken Sie Geist durch die Akademie. Er hatte kein Ansehen und an Palermo oder Knoebel! An Sigmar Polke, an Penck, seine Kunst keinen Markt. an Richter nat¸rlich oder auch an Graubner. Alles Wie konnte das sein, dieses v–llige Vergessen seiner k¸nst- Sachsen. lerischen Leistungen? Haben Sie s”chsisch geredet, wenn Sie sich getroffen baselitz: Sie d¸rfen nicht vergessen, wie total der haben? Zusammenbruch 1945 war. Alle Informationen waren baselitz: Ich ja, aber die anderen mochten oder weg, die Museen waren leer. Als ich in den f¸nfziger m–gen das nicht. Nur mit Richter geht es. Jahren nach Berlin kam, hatte ich von Schmidt- Und ist das ªS”chsische´, das man der Kunst ansieht, Rottluff nie etwas geh–rt. Die Gegenwart legte sich nicht einfach so etwas wie ein Dialekt, den alle kennen, v–llig ¸ber die Vergangenheit - man blickte gebannt den manche st”rker sprechen, manche weniger? auf Pollock und ein biþchen auf Bernhard Schultze, baselitz: Ja, das ist ein Vergleich, auf den ich mich Tr–kes, Baumeister. Aber niemand blickte auf einlassen kann. Es gibt etwas herrlich Weiches im Schmidt-Rottluff. Das ist heute unvorstellbar. s”chsischen Dialekt. Das sieht man nat¸rlich in den Wenn Sie in Ihrer Malerei diese Verwandtschaft zu Rundungen der Frauen, begegnet einem auch auf den Schmidt-Rottluff sehen - an welchen Stammbaum denken Moritzburger Bildern, die Kirchner und Heckel und Sie bei dem im Jahre 1967 in Dresden geborenen Eberhard Schmidt-Rottluff hier malten. Bei Kokoschka. Aber Havekost? man sieht es eben verborgen auch bei denen, die sich baselitz: Als ich das erste Mal seine Kunst in einer vordergr¸ndig komplett von dieser Tradition absetzAusstellung der Galerie der Gebr¸der Lehmann sah, ten. Denn genau dieses Warme, das findet man n”mdachte ich sofort an Gerhard Richter. Das war ein sehr lich selbst in den Abstraktionen von Palermo oder starker Eindruck. Die ªBeauty´, die Sie im November Knoebel oder in denen von Hermann Gl–ckner, der versteigern werden, unterstreicht das - das war ein nicht in den Westen gegangen ist. Wenn Sie heute in neuer Blick, eine neue Lust, unsere Sehweisen zu Arezzo sind und in einem CafÈ sitzen, dann sehen Sie dechiffrieren - und doch eine, die die Tradition kennt. noch genau den Himmel von den Gem”lden Piero Und deutsche Maltradition in der zweiten H”lfte des della Francescas, und die Kellnerin sieht aus wie von 20. Jahrhundert heiþt nat¸rlich in den meisten F”llen ihm gemalt. Es gibt selbst bei der international gr–þten Kunst dieses ewige Regionale, f¸r das wir keine Worte Dresdner Tradition. haben. Aber zum Gl¸ck: die Kunst. Das Gespr”ch f¸hrte Florian Illies georg baselitz, 1938 im s”chsischen Deutschbaselitz geboren, lebt heute am Ammersee. Er hat die deutsche Malerei seit Anfang der sechziger Jahre entscheidend gepr”gt. Seine Figuren, die auf dem Kopf stehen, geh–ren zum unverg”nglichen Repertoire der Moderne. Das Gespr”ch ¸ber das S”chsische in der deutschen Kunst fand im Taschenbergpalais in Dresden statt. Als Baselitz gerade vom Gl¸ck der Kunst sprach, kam zuf”llig Gerhard Richter vorbei, und sie begr¸þten sich herzlich - auf s”chsisch.

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Aus unserer Auktion am 24. November 2011 Heinrich K¸hn, ªHans und Edeltrude im Gras (II)´. Um 1910 Vintage. Platinotypie 23,3 × 29,1 cm (23,9 × 29,7 cm) Sch”tzpreis: EUR 5.000 - 7.000 Fotografie als Feier der Kostbarkeit des Lichts

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26 ha n s u n d ed eltrude i m gr as wi lfri ed wi ega nd ¸ber die Fotografie ªHans und Edeltrude im Gras´ von Heinrich K¸hn tellt man sich eine Liste der gr–þten deutschen Fotografen vor - ohne ihn w”re sie nicht komplett. Eigentlich sollte ihn also jeder Kunstfreund kennen, und bis zum Ersten Weltkrieg war das auch so. Heinrich K¸hn (1866 -1944) war eine Ber¸hmtheit von internationalem Rang, eine Art Max Liebermann der Fotografie, heutzutage jedoch wird er, ausgerechnet in seinem Heimatland, nicht einmal ann”hernd so gesch”tzt, wie er es verdient. K¸hn war ein Vertreter des sogenannten Piktorialismus, der Kunstfotografie des fin de siËcle. Und die begegnet gerade in Deutschland immer noch dem Vorurteil, sie sei eine Art uneheliches Kind der Fotografiegeschichte, hervorgegangen aus einem peinlichen Seitensprung mit der Malerei. Solch ¸ble Nachrede geh–rte zur Kunstdoktrin der zwanziger Jahre, die unmittelbar nach dem Weltkrieg ihre historische Berechtigung gehabt haben mag. Der Traum der Jugendstilgeneration, man k–nne den Alltag ”sthetisch veredeln, war ausgetr”umt. Und die Kunstfotografie war Teil dieses Traums gewesen. Die meisten Fotografen, die vor dem Krieg piktorialistisch begonnen hatten, konvertierten nun zum neuen Ideal der Sachlichkeit. K¸hn aber geh–rte zu den wenigen, die dem bew”hrten Stil treu blieben. Etwa aus Mangel an Phantasie, an geistiger Beweglichkeit und moderner Gesinnung? Das w”re eine zu einfache Erkl”rung, unfair und grob, weil sie seinen k¸nstlerischen Rang auþer acht lieþe. Auch Hugo Erfurth, ein anderer genialer deutscher Fotok¸nstler jener Jahre, ist der piktorialistischen Unsch”rfe gewiþ nicht aus Heinrich K¸hn, Selbstportr”t, 1930

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h a n s u n d ed e ltru d e im g ras 27 derart banalen Motiven treu geblieben, sondern wohl Oft hat er komplizierte Zwittergebilde zwischen eher deshalb, weil sich seine souver”ne Portr”tkunst so Fotografie und Grafik geschaffen, schwierig herzustelm¸helos auch in der neusachlichen Ÿsthetik behaup- len und manchmal erst nach tagelanger Arbeit fertig. ten konnte. Und so hat K¸hn vermutlich ebenfalls Aber mindestens ebenso oft gen¸gte ihm das seine Kunst unver”ndert gelassen, weil sie keine Ÿnde- Platinpapier mit seiner unendlich reichen Palette graurung brauchte. Sie war perfekt, nicht verbesserungs- er Abstufungen sowie eine zarte T–nung des stets f”hig und mit ihrer Grundhaltung so fest im Wesen leicht strukturierten Papiers, um alle Effekte eines der Fotografie verankert, daþ kein neu aufkommender K¸hn-Fotos herbeizuzaubern. Stil einen ”sthetischen Zugewinn h”tte bringen k–nnen. K¸hn brauchte die Modernit”t des neusachlichen Das 19. Jahrhundert hatte die Fotografie erfunden und Zeitgeistes nicht, seine Kunst war schon modern. sie als einen weiteren Sieg im Kampf um die Naturbeherrschung begriffen. Der Mensch hatte es geschafft, Wer Heinrich K¸hns subtile Kunst kennenlernen will, sich das Licht dienstbar zu machen. Mit optischen sollte eines seiner Fotos in die Hand nehmen oder Ger”ten und chemischen Substanzen hatte er die zumindest so hin und her wenden, daþ er die plastische Sonne ¸berlistet und den Kr”ften der Natur die schweStruktur des Abzugs erkennen kann. Man muþ das re Arbeit der Bildherstellung aufgeb¸rdet. Dieses ganze Relief des Papiers auf sich wirken lassen, seine Triumphgef¸hl ¸ber die Z”hmung der Sonne, dieses Buckel, Furchen und Grate, die den Lichtern und elementare Staunen ¸ber das Wunder der fotografiSchatten so viele Gelegenheiten bieten, sich auszu- schen Bildproduktion ist typisch f¸r das 19. Jahrhundert. breiten oder sich zu verbergen. Abz¸ge von Heinrich Erst im sp”ten 20. Jahrhundert haben einige wenige K¸hn sind keine spiegelblanken Fl”chen, auf denen Avantgardefotografen - Sugimoto zum Beispiel - das Bild erscheint, als s”he man die Wirklichkeit durch m¸hevoll versucht, das Staunen der Fr¸hzeit wieder eine gl”serne Scheibe hindurch und als ginge es um zu erlernen. Dieses Sugimoto-Gef¸hl f¸r die Kostbarirgend etwas dahinter. Bei K¸hn steckt das Bild im keit des Lichts ist das Herz auch von Heinrich K¸hns Papier, ganz egal, welche Abzugstechnik er verwendet Fotokunst. Licht wird von ihm nicht einfach hingehaben mag. Als Meister der damals sogenannten nommen, nicht einfach benutzt. Es wird von der Edeldrucke wollte er die Fotografie aus der Knechtschaft Kamera umlauert und gejagt, umschmeichelt und liebder Chemie befreien. Der Abzug sollte nicht quasi kost, jeder Hauch, jeder Tropfen Licht ist kostbar, automatisch durch fotochemische Prozesse entstehen, etwas, das es einzufangen und in der Bildkomposition sondern wie bei den traditionellen Kunsttechniken behutsam aufzubewahren gilt. Ein Bild von K¸hn hat wieder ein Werk von Menschenhand sein, vom ersten viel zu erz”hlen. bis zum letzten Moment vom K¸nstler kontrolliert. wilfried wiegand, Jahrgang 1937, war Feuilletonchef der faz und ist einer der groþen deutschen Fotografie-Experten. Seine eigene Fotosammlung wird ab Oktober 2011 Teil der st”ndigen Ausstellung des Frankfurter St”del Museums.

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Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Friedrich Nerly ªForum Romanum´. 1830 ÷l auf Leinwand. 80 × 108 cm Sch”tzpreis: EUR 50.000 - 70.000 Landschaft und Uhrzeit der Weltgeschichte g ustav sei bt ¸ber Friedrich Nerlys ªForum Romanum´

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3 0 la n d sc ha ft un d uhrzei t genug steht, um ¸ber den Palatinh¸gel zu scheinen. Sie setzt den Palatin in ein duftiges Gegenlicht, das auch die darunter liegende, damals so viel leerere Mitte des Forums schattig erscheinen l”sst. Diese leere Mitte war jener vom Schutt der Jahrhunderte gebildete Campo Vaccino, auf dem seit dem hohen Mittelalter Rinder gehandelt wurden. Eine Allee f¸hrt vom Titusbogen bis zum Bogen des Septimius Severus, dessen Schmalseite ganz links im Bild zu erkennen ist; er versank damals zu einem Drittel im Erdboden. Die wenigen Reste, die aus dem planierten Gel”nde des Forums noch ragten, wirken viel st”rker als heute vereinsamt: rechts unterm Palatin die drei S”ulen des Tempels von Castor und Pollux, linkerhand als wuchtiges Hauptmotiv der Saturntempel, aus dem sich eine m”chtige Eiche erhebt. Links von der rechtesten S”ule des Saturntempels blickt man auf die Phokass”ule, das letzte antike Monument des Forums, bevor es w¸st wurde und die K¸he es ¸bernahmen. as Forum Romanum im blendenden Licht eines fr¸hsommerlichen Nachmittags: ein einfacheres, dabei bedeutungsreicheres Sujet l”sst sich f¸r einen jungen Maler aus Th¸ringen, der soeben noch Goethe vorgestellt worden war, kaum denken. Zun”chst, so mag man glauben, macht hier die topographische Sorgfalt alles. Denn Freiheit gibt es an einem solchen Ort nat¸rlich nicht: Jeder Gebildete kennt ihn, wenn nicht aus eigener Anschauung, dann doch aus Abbildungen ohne Zahl, aus Erz”hlungen, All das weiþ der Maler ebenso wie sein Publikum, und Dichtungen und Geschichtsb¸chern. Vorne sind die doch haben wir es nicht mit gemalter Arch”ologie oder Basaltquader des Clivus Capitolinus zu sehen, jenes gar einer Vedute zu tun. Der Ehrgeiz dieses Bildes Teils der ¸ber das Forum f¸hrenden Via Sacra, der zielt offensichtlich h–her, h–her auch als die genaue zum Zentrum Roms und seines Reiches f¸hrt, auf den Erfassung von Licht, Jahreszeit und Tagesstunde, die kapitolinischen H¸gel. Hier wandelte schon Horaz an sich schon eine handwerkliche Meisterleistung darund skandierte seine Schritte in auff”llig kurzen Ein- stellt. Vorne hat das Bild einen landschaftlichen Zug, oder Zweisiblern: ªIbam forte via sacra, sicut meus est der gut zu Goethes Erfahrung passt - sein ªZweiter mos´, was der alte Wieland soeben noch nachgebildet R–mischer Aufenthalt´ war soeben, 1828, erschienen. hatte: ªJ¸ngst, da ich, wie mein Brauch ist, auf der Hier ist Rom mindestens so eine St”tte der Natur wie heil'gen Straþe spazieren ging ...´ Und diese Steine der Geschichte, und ein Bindeglied sind die Steine. liegen da noch, zertreten, speckig, matt schimmernd Darum d¸rfen vorne Ziegen und zwei L”mmchen lagern, w”hrend im mittleren Feld Maulesel und von den Schritten der Jahrtausende. Rinder erkennbar sind, b”uerliche Nutztiere f¸r alle Damit ist die Blickachse vorgegeben, geradezu auf den Epochen der Geschichte. Der Sonnenschimmer auf Titusbogen. Er leuchtet hell aus dem Hintergrund, der der Kurve des Clivus Capitolinus k–nnte aus jedem sich sonst aus schattigeren Massen aufbaut, eine kleine holl”ndischen oder franz–sischen Landschaftsbild des Freiheit des Malers. Wie genau er sein kann, beweist 17. Jahrhunderts stammen, ebenso wie die hell bespanndie Beleuchtung in den B–gen des Colosseums links ten Bauernwagen in der Bildmitte. vom Titusbogen, hinter der Kirche Santa Maria Nova mit ihrem mittelalterlichen Campanile: Das Licht in diesen Bogenreihen zeigt, dass die Mittagsstunde bereits ¸berschritten ist, die Sonne aber noch hoch

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l a n ds ch a f t u n d u h rzeit 31 Das leere Zentrum aber und die grandiose Silhouette des Tempels mit Baum erinnern nat¸rlich an die klassischen Meister der r–mischen Ruinenmalerei, an Poussin und Claude Lorrain. Nerlys feines, genaues Bild wetteifert in aller Stille mit einem heroisch-bukolischen Landschaftstypus, der zwar oft reale Bestandteile zitierte, aber insgesamt mythologisch-fiktiv war. In solchen Szenerien siedelte Claude Lorrain biblische Geschichten an, w”hrend Poussin dort heidnische Riten inszenierte. Die seltsam sparsam, aber fast gleichm”þig ¸ber den Campo Vaccino verteilten winzigen Figuren sind ein so diskreter wie deutlicher Hinweis auf Poussin, der damit eine Dimension von Verlorenheit herstellte, die bis Giorgio de Chirico nachwirkte. Trotzdem hat Nerly sein exakt gemaltes Forum Romanum nicht zu einer mythologischen Landschaft gemacht; es bleibt ein Ort der Geschichte, am deutlichsten ablesbar an der auff”lligsten Figurengruppe, den knapp unter die Bildmitte gesetzten b”rtigen M–nchen, die im Begriff sind, aufs Kapitol zu steigen. ªEs war zu Rom, am 15. Oktober 1764, w”hrend ich sinnend zwischen den Ruinen des Kapitols saþ und die Und so ist das Forum Romanum nat¸rlich auch ein Barf¸þerm–nche im Tempel des Jupiter ihre Abend- symbolischer Ort f¸r den groþen Zusammenhang von andacht hielten, als mir zum ersten Mal der Gedanke Antike und Christentum unter einer Sonne, die alles kam, den Verfall und Untergang dieser Stadt zu Leben und damit auch alle Geschichte erst m–glich beschreiben.´ So hat Edward Gibbon im ber¸hmtesten macht. Der Kirchturm neben dem Colosseum steht Satz seiner Autobiographie den Ausgangspunkt einer genau ¸ber den K–pfen der M–nche, er d¸rfte das Historiographie beschrieben, die bald von deutschen geometrische Zentrum der Leindwand bezeichnen - Autoren wie Ranke und Gregorovius ¸bernommen eine Sichtmarke, die zu den Deutschr–mern und den und weitergef¸hrt wurde. Ihr Thema ist nicht mehr Nazarenern weist und damit doch weg von Goethe. die Antike, sondern ihr Untergang, ihr Nachleben, ihre Wiederauferstehung. Tempel, Ruinen und Alt”re Die Szenerie, die diesen Kirchturm umgibt, ist die sind nicht mehr zeitlos f¸r die G–tter da, sondern Landschaft der Weltgeschichte zu einer bestimmten bekunden den Lauf der Geschichte. Diese erscheint Tageszeit in einem Sommer des fr¸hen 19. Jahrhuneinbezogen in einen Lauf der Natur, die Werden und derts. Vergehen nur in gr–þeren Maþst”ben vollzieht. Dass Goethe in Rom Johann Gottfried Herders ªIdeen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit´ studierte, widerspricht nicht seiner scheinbar ahistorischen Sicht auf die Stadt, denn bei Herder erscheinen Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte als Kontinuum, als groþer Zusammenhang. In ihm ist der Basalt der Via Sacra nicht nur Zeugnis der vielen gustav seibt, Jahrgang 1959, ist Historiker und Essayist. Sein Buch ªGoethe und Napoleon´ wurde von der Kritik gefeiert, und er erhielt den Deutschen Sprachpreis 2011. Er ist Kulturkorrespondent der S¸ddeutschen Zeitung in Berlin. Menschen, die ¸ber sie gelaufen sind wie Horaz, sondern auch ein Rest vulkanischer Urzeit. Nicht nur die Menschen haben ihre Revolutionen, in denen die groþen Reiche enstehen und untergehen, sondern auch die Erde. Und die Sonne, die ¸ber allem leuchtet, steht an jenem Himmel, mit dem Herder zufolge ªunsre Philosophie der Geschichte des menschlichen Geschlechts anfangen´ muss. Von Blau bis Gelb l”sst Nerly diesen Himmel leuchten.

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b er n d s c h u lt z stellt sich zum 25. Jubil”um des Berliner Auktionshauses den Fragen von cl aus kl eber

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Was hat Grisebach, was andere nicht haben, Herr Schultz? claus kleber: Stellen Sie sich vor, Sie kommen jetzt, in diesem Sommer, zum ersten Mal nach Berlin zu einer Einladung mit vielen Freunden der bildenden Kunst. Der Gastgeber ist einer, von dem Sie schon oft geh–rt haben, ein gewisser Bernd Schultz, der den Abend erkennbar gestaltet. Dann kommen Sie nach Hause, zu Ihrer amerikanischen Frau, die diesen Bernd Schultz auch nicht kennt, und sagen: Ich hatte gestern einen wunderbaren Abend in Berlin. Beschreiben Sie ihr dann Bernd Schultz! bernd schultz: Ein Selbstportr”t? Ja. Puh. Also: Das ist offenbar einer, der sich verantwortlich f¸r alles f¸hlt, sich sehr um Menschen k¸mmert, vielleicht sogar eine besondere Begabung hat, Menschen zusammenzuf¸hren, der Freude daran hat, ein Ambiente zu schaffen, in dem sich alle wohlf¸hlen, und der sich zugleich als Botschafter Berlins versteht. Einer, der f¸r Menschen und f¸r die Kunst brennt. Ihre Frau wird Sie sp”testens in diesem Moment um diesen Abend beneiden und wird dann aber sagen: Mein Lieber, du beschreibst mir ein Ideal. Der Mann muss doch auch irgendwo eine Schattenseite gehabt haben, selbst an diesem Abend. Das k–nnten andere viel besser sagen als ich. Wenn wir Gastgeber sind, versuchen wir, dass die Schattenseiten nicht zu offensichtlich werden ... Und die Schattenseite mag sein, wie sie aber auch gleichzeitig ein Pr” ist, mit welcher Hartn”ckigkeit dieser Bernd Schultz das Ziel verfolgt, Botschafter der Stadt und der Kunst zu sein. Nun verlassen wir diese Szene und kommen zu dem Eindruck, den Sie auf mich machen, n”mlich genauso, wie Sie sich selbst beschreiben. Und dann lerne ich doch in manchem, was Sie schriftlich ”uþern, einen Menschen kennen, der keinerlei Scheu davor hat, manchmal auch br¸sk urteilend, seine Ungeduld zu zeigen, mit scharfen Worten. Schon fr¸h war es mir eigen, Flagge zu zeigen. Und diese Stadt Berlin, in der ich nun seit ¸ber vier Jahrzehnten lebe, provoziert zu kreativer Kritik. F¸r mich waren immer die Jahre bis 1933 der Maþstab. Bis zu diesem Zeitpunkt hat diese Stadt ihre wesentlichen Inspirationen aus dem intellektuellj¸dischen Milieu erfahren. Dieses Element hat der Stadt unendlich gutgetan, in allen Belangen: Es war die gr–þte Zeitungsstadt, es war die gr–þte Bankenstadt, es war die gr–þte Versicherungenstadt, es war die gr–þte Kaufhausstadt, es war die gr–þte Literaturstadt, und es war die gr–þte Kunsthandelsstadt. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wer alles damals hier gelebt und gearbeitet hat. Wer weiþ noch, dass Fotos: Marek Pozniak, Berlin

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3 6 k u n st , m enschen , wert e Joseph Roth hier den ªRadetzkymarsch´ geschrieben CrÈtins mit Brutalit”t kaputt gemacht haben, wieder zu hat, den ich mit f¸r das Sch–nste halte, was es in der pflanzen und zu pflegen? deutschsprachigen Literatur gibt, und zwar hier an der Das ist eine viel zu groþe Herausforderung f¸r eine Ecke Kurf¸rstendamm/Fasanenstraþe, 100 Meter ent- Person und insbesondere ... fernt von der Villa Grisebach. Und das brach sozusa- ... na ja, aber einer muss es, Sie wissen, wie das ist, muss gen ¸ber Nacht ab, und dann kam diese schreckliche es ja machen. Zeit. Ich wurde 1990 gebeten, den Club von Berlin Na ja, es gibt ja ein paar Freunde wie die Brauns, mit wiederzubeleben. Daraufhin habe ich mir die Raues und Buddes, die versuchen, aus der Erinnerung Mitgliederverzeichnisse von 1864 bis 1945 angesehen - an diesen Geist der Stadt wieder positive Impulse zu 1400 Namen. Aber nur noch eine einzige Familie spiel- geben. Interessant ist es erst geworden f¸r mich, als ich te in der Stadt eine Rolle, die Trendelenburgs. Allein mich als B¸rger wirklich herausgefordert gef¸hlt habe, dieses Beispiel zeigt, was f¸r ein dramatischer Aderlass das war, als Richard von Weizs”cker nach Berlin kam. hier stattgefunden hat und wie schmerzhaft, mittel- Und seine Pers–nlichkeit hat der Stadt ¸ber Nacht ein m”þig, ja untermittelm”þig diese Stadt sich dann leider neues Selbstbewusstsein gegeben. bis 1989 entwickelt hat. Und Joachim Fest und Johannes Wie hat er das gemacht? Gross sagten mir –fter: ªWir w¸rden gerne nach Er hat statt der ¸blichen mediokren Berliner Politiker Berlin kommen, weil diese Stadt noch immer in uns den halben Senat mit ausw”rtigen Fachleuten besetzt. etwas zum Klingen bringt und weil wir immer noch Durch sein Charisma und seine Klugheit wurde in die geistige Atmosph”re der Vergangenheit sch”tzen. dieser Stadt f¸r eine kurze Zeit Politik auf einem Leider gibt es hier nicht eine Aufgabe, die uns ann”- anderen Niveau gemacht. Also erstmals kein Aderlass mehr, sondern eine Transfusion. hernd ausf¸llen w¸rde.´ Ja, das war der Beginn einer groþen Blutzufuhr f¸r Berlin war eine ferne Insel. Ja, und die Insel schien weit vom Festland entfernt, diese geistig und personell ausgemergelte Stadt. Auch und trotzdem habe ich den alten Berliner Spirit noch f¸r neue Maþst”be von Stil und B¸rgertum. Ich werde manchmal hier gefun- nie vergessen, wie ich das erste Mal mit Marianne von den - und dann vor Weizs”cker ¸ber den Kurf¸rstendamm gehe und sie allem auch in New ein St¸ck Pappe aufhebt und zum Papierkorb bringt. York, in Tel Aviv und Da sage ich: ªAber, Frau von Weizs”cker!´ Und sie in London, wohin ich antwortet: ªNa, ich bin doch f¸r diese Stadt verantals Kunsth”ndler oft wortlich.´ Dem Ehepaar Weizs”cker ist es durch ihr gereist bin. Bei den Beispiel gelungen, den verbleibenden Berliner B¸rgern Berliner Emigranten das Gef¸hl zu geben, dass sie mitverantwortlich sind war dieser besondere f¸r diese Stadt - f¸r ihre Gegenwart und Zukunft. Geist noch da - und es Und wie haben Sie Ihre Verantwortung wahrgenommen? gab bei den meisten Nach dem ber¸hmten Motto von Kennedy, ªFrag von ihnen ¸berra- nicht, was das Land f¸r dich tun kann, sondern frage schenderweise senti- dich, was du f¸r das Land tun kannst´, habe ich mich, mentale Gef¸hle f¸r kurz nach dem Antritt von Weizs”cker in Berlin, mit einigen Kunsth”ndlerkollegen zusammengeschlossen diese Stadt. Ist das Ihre Lebensauf- und im September 1982 im Schloss Charlottenburg gabe geworden, diesen die Kunstmesse oran gerie etabliert. Und es war Aspekt des Berliner ¸ber Nacht die eigentlich wohl sch–nste Messe, die es Lebens, den die Nazi- je gegeben hat - nimmt man die Tefaf in Maastricht

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k u n s t, m en s ch en , w erte 37 beiseite, die heute in einer eigenen Liga spielt. Ein wert in der Gesellschaft. Kurz: Die Sammler str–mten Tempel f¸r die Kunst auf Zeit, mit kargem preuþi- zu den Auktionen. Und da ich meine Kr”fte nicht f¸r ein unattraktives Gesch”ftsmodell verschwenden schem Geld und starken preuþischen Tugenden. Und 1986 dann folgte die Villa Grisebach. Heute ist Berlin wollte, habe ich mir das alte amerikanische Motto die Kunststadt schlechthin. Aber damals war Berlin die zu Herzen genommen. If you can't beat them, ... eingeschlossene Insel. Was um Himmels willen hat Ihnen join them ... Sie waren damals f¸nf Partner. Hans PelsLeusden, Wilfried Uterdie Zuversicht gegeben, dass das gelingen k–nnte, ein Auktionshaus ªWieder so eine Selbstbefragung. - Ja, das ist mann, Michael Neumann, mit internationaler Ausstrahlung in aber wichtig, denn Sie k–nnen das beurteilen. - Raimund Thomas und Sie. Heute sind aus dem damaWest-Berlin? Ich weiþ nicht.´ ligen Kreis noch Wilfried Daf¸r gab es mehrere Gr¸nde. Ein Grund war, dass wir recht fr¸h erkannt haben, dass der Utermann und Sie als Partner f¸r die Villa aktiv. Micaela Kunsthandel in klassischen Formen so nicht mehr wei- Kapitzky ist fr¸h als Partnerin dazugekommen. Jetzt mit Markus Krause und Florian Illies zwei weitere, sodass ter funktionieren w¸rde. die Villa wieder wie einst f¸nf Partner an ihrer Spitze hat. Warum? Ich war auf einer Auktion in Hamburg, ersteigerte Und doch ist es das Haus, das Bernd Schultz gebaut ein Nolde-Aquarell f¸r unsere Galerie Pels-Leusden, hat. Da nicht nur die Villa Grisebach 25 Jahre alt wird, stellte es anschlieþend auf der Messe in K–ln aus. sondern Sie, lieber Herr Schultz, auch 70, die Frage: Vielleicht hatte ich 40.000 daf¸r bezahlt und es f¸r etwa Wie wichtig ist Ihre Pers–nlichkeit f¸r die Erfolgsgeschichte 60.000 angeboten. Und dann kam ein Kunde zu mir des Hauses? und sagte: ªH”tte ich letzte Woche in Hamburg neben Wieder so eine Selbstbefragung. Ihnen gesessen, w”re das Werk f¸r 42.000 verkauft Ja, das ist aber wichtig, denn Sie k–nnen das beurteilen. Ich weiþ nicht. worden und w¸rde jetzt meines sein.´ Doch, denn Sie setzen Ihre Pers–nlichkeit nach meiner Was haben Sie geantwortet? Kinder noch mal, habe ich gedacht, wenn das in der Beobachtung sehr bewusst Zwischenzeit so transparent wird, was auf Auktionen ein. Das ist kein Zufall. passiert, werden wir Probleme bekommen, denn es Ich glaube, dass eine h”tte sehr gut sein k–nnen, dass der Interessent tat- Kunsthandlung, wie ims”chlich neben mir gesessen h”tte. Das bedeutet doch, mer sie sein mag, nur dass ich nur noch Werke bekomme, bei denen ich erfolgreich wirken kann, quasi meine eigenen Kunden erst einmal ¸berbieten wenn hinter ihr eine muss - um sie ihnen dann wieder mit geh–rigem Pers–nlichkeit steht, die rhetorischem Aufwand sp”ter teurer zu verkaufen. glaubw¸rdig ist und die in sich ein nachvollziehDas ist f¸r mich pers–nlich kein Gesch”ftsmodell. bares Wertesystem, ein Nein. Und das war vor dem Internet. Ja, durch das Internet ist heute jedes Auktionsergeb- sicheres Qualit”tsgef¸hl nis weltweit transparent und in Bruchteilen von und eine Leidenschaft Sekunden verf¸gbar, das konnte man damals noch f¸r die Kunst hat. gar nicht ahnen. Dazu wurden die Auktionen immer Und f¸r Menschen. popul”rer, und die groþen Versteigerungsh”user Und f¸r Menschen, geverst”rkten ihre Werbung gewaltig. Abendauktionen nau. wurden zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Dadurch bekam der Kunstkauf einen immer gr–þeren Stellen-

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3 8 k u n st , m enschen , wert e Ist es das, was die enormen Standortnachteile von Berlin Wie muss ein Kunstwerk sein, damit Sie es in eine aufwiegt? Die einen, die sich 89 begannen aufzul–sen, Ihrer Auktionen aufnehmen - vor allem finanziell die anderen, die geblieben sind, mit den Aufschl”gen lohnend? und Steuern und all dem, was in Deutschland anf”llt, wo Nein, nein, das Finanzielle spielt bei uns nur eine von andere Standorte wie London, Paris und Z¸rich besser mehreren Rollen. Ein Kunstwerk ist in seiner preisdastehen: Kommt der Erfolg der Villa Grisebach daher, lichen Bedeutung immer Schwankungen ausgesetzt: dass es Ihnen gelingt, diese handfesten Nachteile mit etwas Rembrandt war im 19. Jahrhundert verh”ltnism”þig eher Fl¸chtigem wie Aura, pers–nlichem Charisma, billig, Makart und Lenbach ganz teuer. Ich glaube, das, was ein Kunstwerk auszeichnen muss, ist, dass es ¸ber Charme auszugleichen? Die Villa Grisebach ist ja von Anfang an groþ geplant Generationen hinaus G¸ltigkeit beh”lt. Es geht um gewesen. Deswegen habe ich die Partner so ausge- Qualit”t, Qualit”t und nochmals Qualit”t. Wir haben sucht, dass sie strategisch auf Deutschland verteilt diesen kleinen Katalog ªThird Floor´, den diejenigen, waren - da waren die Kunsth”ndler Thomas in die die Kunst lieben, immer mit besonderer M¸nchen, Neumann in D¸sseldorf, aber eigentlich Aufmerksamkeit studieren, weil sie dort Werke finden, mit starken norddeutschen Wurzeln, Utermann in die nicht nur preiswert sind, sondern echte Entdeckungen. Der groþe Wiener Dortmund mit stark westSammler Rudolf Leopold - der f”lischen Wurzeln und ªEs ist f¸r das Ged”chtnis der Menschen gab jeden Pfennig, den er hatte, Hans Pels-Leusden und ich wichtig, dass sie wissen, was diese tragenf¸r Kunst aus. Und besaþ so am in Berlin. Und das waren ja den, inspirierenden S”ulen waren.´ Ende diese einzigartige Sammlung alles keine unbeschriebenen von Klimt und Schiele. Weil er kein unn–tiges Geld Bl”tter, sondern hoch angesehene Kollegen ... verprassen wollte, kam er im Zug von Wien nach Waren Sie damals auf Augenh–he, Sie f¸nf am Anfang? Berlin, noch nicht einmal einen Schlafwagen nahm er - Ja, absolut. wenn er hier in Berlin ankam, legte er sich manchmal Sie waren dabei der ... im Garten auf eine Bank, um sich auszuruhen. Ich w¸rde mal sagen ... Anschlieþend begutachtete er die drei, vier Bilder, die ... der Paradiesvogel? ... ich wollte vielleicht am h–chsten hinaus, nur ihn interessierten und f¸r die er einen groþen Einsatz insofern trifft der Vogelvergleich. Aber ansonsten wagte. Danach schaute er sich jedes einzelne Blatt an, waren wir alle auf Augenh–he. Was der Villa Grise- das versteigert werden sollte, und verliebte sich in bach sehr gut bekommen ist, weil ich einen Rat eine Grafik f¸r 800 Mark. Ich will damit nur sagen, ¸bernommen habe, den ich noch vom alten Hermann Kunst und Geld sind zwei tempor”re Begriffe, die sich Josef Abs vermittelt bekommen habe - das Einstim- treffen k–nnen. Aber groþe Kunst zeichnet eigentlich migkeitsprinzip. Wir haben grunds”tzliche Fragen immer aus, dass sie zeitlos ist, nicht ihr tempor”rer so lange diskutiert, bis wir einen einheitlichen Gegenwert. Konsens gefunden haben, bis zum heutigen Tage. Was haben Sie in diesen beruflich gl¸cklichen Jahren in der Ich glaube, auch deshalb sind wir so stark geworden Villa Grisebach neben dieser Erkenntnis gelernt, was Sie und f¸hrend f¸r die Kunst des ausgehenden 19. weitergeben k–nnen, was die Gestaltung eines groþen und des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Es erf¸llt Projekts angeht? mich mit groþer Dankbarkeit, dass heutzutage der Die richtigen Partner und die richtigen Mitarbeiter europ”ische Kunsthandel sich ganz erheblich durch aussuchen. Mein ganzes Leben durchzieht die Suche Berlin definiert und dass in diesem Kanon die nach Menschen. Und ich habe das groþe Gl¸ck gehabt, Villa Grisebach weit ¸ber Deutschland hinaus eine dass ich immer Menschen begegnet bin, die sich f¸r andere Menschen interessiert haben und, jetzt gehe ich Rolle spielt.

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k u n s t, m en s ch en , w erte 39 mal vom guten Fall aus, sich auch f¸r mich interessiert haben und denen es Spaþ gemacht hat, ihre Erfahrungen an mich weiterzugeben. Und ich habe vielleicht auch die Gabe, dieses zu erkennen und aufzusaugen. Anl”sslich meines runden Geburtstages werde ich Revue passieren lassen, was die entscheidenden Momente meines Lebens waren. Ergebnis: Es waren immer Begegnungen mit Menschen und immer die daraus resultierenden Entwicklungen. Wann fing das an? Ich hatte einen wunderbaren Lehrer, Helmut Goll. Er war gleichzeitig unser Deutsch- und Geschichtslehrer. Wenn wir Walther von der Vogelweide gelesen haben, dann haben wir parallel mittelalterliche Geschichte vermittelt bekommen und bei Grimmelshausen den Dreiþigj”hrigen Krieg - das hat die Einsicht in eine andere Zeit versch”rft und in die Zusammenh”nge - und ich profitiere noch heute davon. Ein Mensch, den wir beide kannten, Sie viel besser als ich, leider, weil ich ihn zu sp”t pers–nlich kennengelernt habe, aber den man ohne Weiteres als Lehrer bezeichnen kann, lebenslang, war Joachim Fest. Was fehlt uns, weil er jetzt fehlt? Er hatte eine umfassende Bildung, das ist die eine Seite. Und das andere waren seine maþstabgebenden Ansichten - unvergesslich die von Frank Schirrmacher ihm zu seinem Tode gewidmete faz-Ausgabe mit zw–lf Seiten, die mit den verschiedensten Stimmen an diese pr”gende geistige Kraft der Bundesrepublik erinnerten. Joachim Fest war eine Institution, die es sich, auch wenn man an den Historikerstreit denkt, nie leicht gemacht hat, sondern sich Zeit genommen hat, eine Meinung zu bilden, sie dann aber mit Leidenschaft und Engagement zu vertreten. Er war einer, der nicht wankte. Als ich ihn zum ersten Mal in seinem Haus besuchte, in den sechziger Jahren, war ich h–chst verwirrt: Ich sah kleine griechische Skulpturen, ªAdam und Eva´ von D¸rer, eine Grafik von Goya, eine Zeichnung von Janssen, dazwischen Romantiker, dies eingebettet in ein auþergew–hnlich sch–nes M–belensemble. Meine Frage: ªLieber Herr Fest, was sammeln Sie eigentlich?´ Fast vorwurfsvoll. Worauf er mir fast vorwurfsvoll entgegnete: ªAlles, was mir gef”llt, Herr Schultz.´ Er h”tte auch sagen k–nnen: Sch–nheit. Ein anderer Name, der Sie pr”gte und der sich dem Sammeln der Sch–nheit verschrieben hatte, war James Simon. Den haben Sie quasi postum zu Ihrem M¸ndel gemacht und daf¸r gesorgt, dass er endlich in Berlin die Anerkennung findet, die er verdient hat. War das auch wieder so eine One-Man-Mission von Bernd Schultz? Es gibt einen Satz eines meiner Mentoren, von Edwin Redslob - ªDein Woher ist dein Wohin´. Wenn wir uns nicht dar¸ber im Klaren sind, woher wir kommen, dann haben wir auch eigentlich keine Chance, einen Kompass zu haben, wo wir hinwollen. Und es ist f¸r das Ged”chtnis dieser Stadt und es ist auch f¸r das Ged”chtnis der Menschen wichtig, dass sie wissen, was

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4 0 k u n st , m enschen , wert e diese tragenden, inspirierenden S”ulen waren, die Sie haben mit der Schilderung der Gr–þe und des ReichBerlin zu dem gemacht haben, was es einmal war. tums von Simon versucht, von meiner Frage abzulenken. James Simon wollte aufgrund seiner auþergew–hnli- Deshalb noch einmal: Dieser Enthusiasmus, etwas f¸r chen finanziellen M–glichkeiten - und auch seiner Berlin zu bewirken, der verbindet Sie beide ¸ber die Zeiten groþen Hochherzigkeit, f¸ge ich hinzu - pers–nlich hinweg? daf¸r Sorge tragen, dass seine Stadt im Kanon der Das kann man so sagen. anderen Weltst”dte eine groþe Rolle spielt. Und das Ist es Ihnen gelungen? Wir arbeiten daran. hat ihn dazu verleitet ... Wie viel ist Ihnen schon gelungen? Eine Eigenschaft, die Sie beide verbindet ... Wir versuchen, das groþe, fast versch¸ttete Erbe von ... das w”re sch–n ... James Simon dadurch in unsere Zeit zu tragen, dass ... im Protokoll sollte jetzt stehen: z–gert lange ... Ja, z–gert sehr lange ... Sagen wir es einmal so: Es wir uns mit Nachdruck daf¸r eingesetzt haben, dass macht unendlich Freude, zu gestalten und zu sehen, die Berliner Museen ihm den einzigartigen Rang dass man manches zum Guten bewegen kann. Diese zumessen, der ihm geb¸hrt. Auf unsere Initiative wird Einstellung hat James Simon dazu verleitet, der Stadt das einzig neu entstehende Geb”ude auf der Museumsviele Kunstwerke von unsch”tzbarem Wert zu schen- insel seinen Namen tragen. Daneben haben wir mit ken. Simon war durch seinen Baumwollhandel so engagierten Mitstreitern aus ganz Deutschland den verm–gend, dass er im Jahre 1906 mehr Steuern James-Simon-Preis f¸r auþergew–hnliches soziales, bezahlte als die Deutsche Bank. Sein urspr¸ngliches kulturelles und m”zenatisches Engagement ins Leben Anliegen war es, es f¸r soziale Belange einzusetzen. gerufen. In der Zwischenzeit gibt es einen JamesUnd dann begegnete er 1884/85 Wilhelm von Bode. Simon-Park und vieles mehr. Diesem Menschenf”nger ist es gelungen, ihn f¸r die Sie sind ja nicht nur ein erfolgreicher Kulturschaffender Kunst zu begeistern. Mit Anfang 30 hat Simon seinen und Gesch”ftsmann, Sie sind auch Philanthrop. Sie ersten Rembrandt gekauft, hat dann aber gesagt, was machen viele Dinge aus der Liebe zu den Menschen und ich immer sehr bewegend gefunden habe: ªLieber ihrer Gemeinschaft. Es gibt unterschiedliche Arten von Bode, ich helfe Ihnen sehr gerne, aber die Grund- Philanthropen. Zwei Grundkategorien - die einen tun voraussetzung ist, dass ich all meinen sozialen es wirklich aus groþem Interesse an der Sache, und die Verpflichtungen, die mir das Allerwichtigste sind, dass anderen tun es eher, weil sie den goldenen Widerschein ich denen nachkommen kann. Wenn dann noch Geld in ihrem Spiegelbild genieþen. Wie unterscheidet man als ¸brig ist, dann bin ich gerne bereit, ein groþes Betrachter den einen Typ vom anderen? Kunstwerk oder Ausgrabungsexpeditionen zu finan- Die Aufgabe ist f¸r uns immer viel wichtiger gewesen als die damit verbundene, nach auþen hin sichtbare zieren.´ Jetzt ist die Nofretete sozusagen die Ikone geworden, Person. Die Aufgabe wird zwar getragen durch Personen, aber die Aufgabe selber, das ist das, was wir die ihn mit Berlin verbindet. Aber da war viel, viel mehr. James Simon hat Berlin vielleicht 10.000 Objekte sehr gerne herausstellen. Und unser Auktionshaus geschenkt. Das Bode-Museum, 1903/04 noch als heiþt auch nicht Bernd Schultz. Es geht darum, sich Kaiser-Friedrich-Museum gegr¸ndet, geht auf wesent- zur¸ckzunehmen und in den Dienst einer Sache zu liche Schenkungen von James Simon zur¸ck. Und stellen. Als wir Villa Grisebach gegr¸ndet haben, die groþen Ausgrabungen, die ihm und dann uns haben wir ganz bewusst gesagt, wir personalisieren es eben unter anderem den Kopf der Nofretete beschert nicht, sondern wir werden einen Begriff finden, der haben. Allein im Ÿgyptischen Museum sind 2.000 losgel–st von allen Partnern ist, der irgendwann bis 3.000 Kunstwerke, die durch ihn nach Berlin als Synonym f¸r eine auþergew–hnliche Untergekommen sind. nehmung stehen soll.

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k u n s t, m en s c h en u n d w erte 41 Man kann heute sagen: f¸r eine Marke, ja eine Weltmarke. den k¸mmerlichen Planungen f¸r die Umgebung. Ich pers–nlich bin angesichts dessen sehr dankbar, dass das Das h–ren wir gerne. Aber kommen wir zur¸ck auf Berlin. Man sp¸rt ja Ihr Schloss wieder aufgebaut wird, und da treffe ich mich Gl¸ck in der Stimme, wenn Sie feststellen, was aus Berlin mit dem vorhin zitierten Joachim Fest, weil wir wissen, geworden ist, verglichen mit dem, was es war in den acht- was wir dann bekommen. Goethe hat mal gesagt: ziger Jahren. Wenn Sie Berlin heute sehen, die ªMag man doch ruhig Fehler machen, beim Bauen Bundeshauptstadt Berlin, ist es das Berlin geworden, bisher, darf man keine machen!´ Wie kann es dann sein, von dem Sie getr”umt haben? ªIn Berlin schaut man erwartungsvoll auf dass Sie mir einmal sagIch habe es mir nie vorstellen k–nten, Sie k–nnten sich nen, dass innerhalb von nur einer jeden Neuank–mmling, und wenn man das Gef¸hl hat, der hat etwas dazu beizuauþer in Berlin bestenGeneration die Stadt seit 1990 eine tragen, dann ist er dabei, und wenn nicht, falls vorstellen, in New solche Wandlung und Belebung dann eben nicht.´ York zu leben? Der Stadt, erfahren w¸rde. Ich bin begl¸ckt die alles Gestrige vergisst dar¸ber, dass Menschen aller Altersstufen nach Berlin ziehen, hier ihren ersten oder zwei- und nach vorne denkt? Wie ist das bei Ihnen mit dem ten Wohnsitz nehmen und so dem alten Berliner Spirit Woher? Und dem Wohin? Man darf nicht vergessen: New York ist gerade mal eine neue Sprache und Gestalt geben. Und was tut Ihnen weh, wenn Sie heute durch Berlin seit etwas ¸ber 100 Jahren als Metropole sichtbar. Die Wurzeln Berlins gehen auf das Jahr 1244 zur¸ck. Das gehen oder fahren und sich umblicken? Der Potsdamer Platz. Eine groþe vertane Chance. sind unterschiedliche Voraussetzungen. Aber was ich Groþe Architektur entsteht, wenn sich groþe Bauherren an New York so mag und das, was ich an Berlin so mit groþen Architekten zusammentun, das war hier sch”tze, ist dieser wache Geist der Menschen, ist diese leider nicht der Fall. Daimler-Benz ist seiner Bau- Neugierde. In Berlin schaut man erwartungsvoll auf herrenverantwortung nicht gerecht worden. Und jeden Neuank–mmling, und wenn man das Gef¸hl selbst groþe Architekten haben hier versagt. Wenn es hat, der hat etwas dazu beizutragen, dann ist er dabei, das Kollhoff-Hochhaus nicht g”be, w”re der Platz und wenn nicht, dann eben nicht. ganz furchtbar. Aber fast noch mehr treibt mich das Sie selbst hatten vor nicht langer Zeit einen Gott sei Dank Kulturforum zur Verzweiflung - verschuldet vom am Ende glimpflich verlaufenden, aber schweren Unfall, Geist des alten West-Berlin. Es bringt mich noch mehr der einem zeigt, wie fragil das alles ist, wie endlich das in Rage, dass in der Zwischenzeit die Gem”ldegalerie alles ist, was wir machen. Haben Sie das Gef¸hl, Ihren von Hilmer & Sattler, eine der sch–nsten Gem”ldegalerie- Beitrag geleistet zu haben, in dem jugendlichen Alter von Sch–pfungen nach dem Kriege weltweit, quasi abseits 70 Jahren? jeglicher Besucherstr–me liegt. Da mag in der National- Also, wenn wir jetzt in mein Sekretariat gehen, sehen galerie die groþe MoMA-Ausstellung sein, da m–gen Sie auch zwei Regale ausschlieþlich f¸r Projekte. die ªsch–nsten Franzosen´ uns besuchen - 200 Meter Wenn der liebe Gott es zul”sst, w¸rde ich diese gerne weiter h”ngen u.a. Meisterwerke von D¸rer, Holbein, umsetzen oder bef–rdern, und zwar mit groþer Caravaggio, Rubens, Rembrandt, und kaum ein Begeisterung. Ich bin meinen Kollegen in der Villa Mensch findet den Weg dorthin. Nirgendwo in der dankbar, dass Sie daf¸r Verst”ndnis haben und mir bei Welt k–nnen Sie so ungest–rt einen Vermeer betrach- der Realisierung stets hilfreich und geduldig zur Seite ten. Aber das kann es doch nicht sein! Das ganze stehen. Kulturforum ist ein v–lliges Desaster. Ein drittes Lieber Bernd Schultz, herzlichen Dank f¸r dieses Gespr”ch. Beispiel: Schauen Sie sich diesen verkorksten, torsohaften Hauptbahnhof an, dieses Entree in die Stadt mit claus kleber, geboren 1955, ist Moderator des heute-journals im zdf.

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Gl¸ckwunsch! 25 Jahre Villa Grisebach. Schon? Erst? Eine Gratulation von p e t e r rau e

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p eter r au e g ratu liert 43 chon 25 Jahre Villa Grisebach? So nahe sind mir noch die Erinnerungen an die Anf”nge, die ich miterleben durfte in freundschaftlicher N”he und anwaltlicher Unterst¸tzung. Und doch ist's ein Vierteljahrhundert her. Erst 25 Jahre? Ein Haus, das sich ohne unzul”ssige ªAlleinstellungswerbung´ als Deutschlands f¸hrendes Auktionshaus zumindest f¸r die Kunst der letzten 150 Jahre bezeichnen darf, kann doch so jung gar nicht sein! Wie ein rocher de bronze steht der Name ªVilla Grisebach´ in der deutschen Kunstlandschaft - und soll so jung sein wie ein Student? Dieses ªSchon? Erst?´ belegt, was f¸r eine beispiellose Erfolgsgeschichte dieses Jubil”um erz”hlt. Und es ist auch die Geschichte eines Mannes: Bernd Schultz, B.S., der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern darf. Ihm bin ich vor mehr als 40 Jahren erstmals begegnet, und seitdem ist wohl kein Monat vergangen, ohne dass wir miteinander geredet, Fragen gekl”rt, Pl”ne entwickelt und ganz selten auch gestritten haben. Diese erste Begegnung war in der Buch- und Kunsthandlung des groþen Hans Pels-Leusden. Schon damals war es die f¸r B.S. so bezeichnende Kombination von Respekt und Selbstbewusstsein, mit dem er dem Senior gegen¸ber auftrat. Nie habe ich einen Gleichaltrigen kennengelernt, der so konsequent ¸ber Jahrzehnte hinweg vor allen entscheidenden Schritten den ªv”terlichen Rat´ gesucht hat wie B.S. Neben ªPels´ waren es insbesondere seine Freunde Ulrich Biel, Marcus Bierich, Joachim Fest, Edwin Redslob, Leopold Reidemeister, Otto von Simson und Richard von Weizs”cker, deren Rat er stets gesucht und gefunden hat. Mit deren mitdenkender Unterst¸tzung hat B.S. den beruflich wichtigsten und auch k¸hnsten Schritt seines Lebens gewagt: 1986 die Villa Grisebach mit vier Kunsth”ndlerkollegen zu gr¸nden und seitdem erfolgreich zu f¸hren. Diese Leidenschaft, etwas zu bewirken, erweitert auch heute noch st”ndig den Radius seines Schaffens: Er war und ist ungebrochen ein Mann, der die res publica zu seiner Sache macht. Da gelang es ihm, die oran gerie im Schloss Charlottenburg inmitten des Kalten Krieges als Kunstmesse von europ”ischem Format zu etablieren und als erste ihrer Art f¸r Kollegen international zu –ffnen. Und Watteaus ªEinschiffung nach Kythera´ durch Engagement Berliner B¸rger unter Stabsf¸hrung des legend”ren Hermann Josef Abs f¸r die Stadt zu sichern, weil er als Motor die Sammelmaschine auf Hochtouren brachte. Und als der Irrsinn Wirklichkeit zu werden droht, dass nach der Wiedervereinigung Berlin nicht Hauptstadt werden soll, versammelt B.S. Menschen um sich, die Geld f¸r eine beispiellose Inseratserie geben. Auch Heinz Berggruen h”tte ohne ihn mit seiner exzeptionellen Sammlung nicht den Weg nach Berlin gefunden. Dieser Spirit des ªRegierenden B¸rgers´ von Berlin ist letztlich auch der Grund f¸r den Erfolg seines Auktionshauses, das er inzwischen mit vier weiteren Gesellschaftern f¸hrt. Eiserne Disziplin, gepaart mit dem unbeugsamen Willen, etwas zu bewirken, der Kommune mehr zu sein als ein Wirtschaftsfaktor, und getragen von der nie versiegenden Kraft, Begonnenes niemals aufzugeben. Diesem leidenschaftlichen Berliner mit unverkennbaren Wurzeln in der Bremer Kaufmannstradition und seiner Villa Gl¸ckwunsch f¸r die n”chsten 25 Jahre! peter raue, Jahrgang 1941, ist Rechtsanwalt und war jahrzehntelang Vorsitzender des Freundeskreises der Nationalgalerie. Er ist eine der zentralen Figuren der Berliner Kulturszene.

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de r hi mm el auf erden Der Himmel auf Erden Aus unserer Auktion am 25. November 2011 August Macke ªLandschaft mit Bauer, Junge und Ziege´. 1914 ÷l auf Leinwand. 53 × 69 cm Sch”tzpreis: EUR 700.000 - 1.000.000

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de r hi mm el auf erden ie hat sich August Macke das Paradies ertr”umt? Wahrscheinlich so wie auf seinem Gem”lde ªLandschaft mit Bauer, Junge und Ziege´, das 1914 entstanden ist - was bedeutet, das es zu den allerletzten Leinw”nden geh–rt, die Macke vor seinem Tode ber¸hrt hat. Nach der R¸ckkehr von seiner legend”ren Tunisreise arbeitete Macke im Sommer 1914 in einem letzten Schaffensrausch im Bonner Heim an mehreren Leinw”nden gleichzeitig, es war, wie seine Frau Elisabeth sp”ter schrieb, ªals arbeite er in einem Rausch, einem Fieber, um noch m–glichst viel von dem zu gestalten, was er sich als Ziel gesetzt hatte´. Er hat der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben. In der ªLandschaft mit Bauer, Junge und Ziege´ finden wir das Ziel einer vollkommenen malerischen Idylle als leuchtendes Farbmosaik verwirklicht - und Macke, dieser malende Weltverbesserer, wusste nat¸rlich, dass dies nicht auf Erden, sondern nur im Traum und im Himmel m–glich ist. Hinten der Arbeiter im Weinberg des Herrn - und vorne das Kind, ein zentrales Symbol in Mackes Vokabular des Paradieses. Weiþ gekleidet und traumverloren, der Welt entr¸ckt und doch im tiefsten Sinne mit ihr eins, spricht es mit dem Tier wie ein kleiner Franz von Assisi. W”hrend also schon der erste Pulverdampf des Ersten Weltkrieges ¸ber Europa zieht (und w”hrend gleichzeitig in Berlin Ernst Ludwig Kirchner den L”rm, das Tempo, die Lichter der Groþstadt rund um die Kokotten auf dem Potsdamer Platz aufblitzen l”sst), w”hrenddessen sitzt also in Bonn, in der Bornheimer Straþe, August Macke und erschafft im Juli 1914 seine Version des ewigen Friedens. Am 8. August zieht der Feldwebelleutnant August Macke, geboren 1887, mit dem 9. Rheinischen Infanterieregiment in den Krieg. Und er, bei dem die deutsche Kunst so franz–sisch aufleuchtete wie bei niemandem sonst, stirbt schon am Nachmittag des 26. September im franz–sischen Kugelhagel. Der Nachruf seines K¸nstlerfreundes Franz Marc beschreibt nicht nur die Ersch¸tterung, die sein Tod f¸r die deutsche Kunst bedeutete - sondern er findet auch die g¸ltigsten und sch–nsten Worte, die bis heute f¸r die besondere Wirkkraft der Kunst August Mackes gefunden worden sind. florian illies

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d er h i m m el au f erd en Franz Marc Was uns fehlt, seit uns August Macke fehlt Nachruf von Franz Marc auf August Macke, September 1914 ieses Furchtbare ist der Zufall des Einzeltodes, der mit jeder t–dlichen Kugel das sp”tere Geschick des Volkes unerbittlich bestimmt und verschiebt. Im Kriege sind wir alle gleich. Aber unter tausend Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tode wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht. Wie viele und schreckliche Verst¸mmelungen mag dieser grausame Krieg unserer zuk¸nftigen Kultur gebracht haben? Wie mancher junge Geist mag gemordet sein, den wir nicht kannten und der unsere Zukunft in sich trug. Und manchen kannten wir gut, ach nur zu gut! August Macke, der ªjunge Macke´ ist tot. Wer sich in diesen letzten, ereignisvollen Jahren um die neue deutsche Kunst gesorgt hat, wer etwas von unserer k¸nstlerischen Zukunft ahnte, der kannte Macke. Und die mit ihm arbeiteten, wir, seine Freunde, wir wussten, welche heimliche Zukunft dieser geniale Mensch in sich trug. Mit seinem Tode knickt eine der sch–nsten und k¸hnsten Kurven unserer deutschen k¸nstlerischen Entwicklung j”h ab; keiner von uns ist imstande, sie fortzuf¸hren. Jeder zieht seine eigene Bahn; und wo wir uns begegnen werden, wird er immer fehlen. Wir Maler wissen gut, dass mit dem Ausscheiden seiner Harmonien die Farbe in der deutschen Kunst um mehrere Tonlagen verblassen muss und einen stumpferen, trockeneren Klang bekommen wird. Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell, wie sein ganzes Wesen war.

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und Natur denken lassen und das rote Auge an Klees Goldfisch, so sind dies bewusst gew”hlte Echor”ume der Vergangenheit, die helfen sollen, die Dumpfheit, den Schmerz und das Orientierungslose der Gegenwart zu ¸bert–nen. Anders gesagt: Wer ein Bild ªTriebkr”fte der Erde´ nennt, f¸r den ist es nur konseªTriebkr”fte der Erde´: quent, seine k¸nstlerischen Wurzeln freizulegen. Vor Fritz Winters Bild von 1944, gemalt nach einer allem, wenn die Eigenst”ndigkeit der Bilderfindung schweren Verwundung an der Ostfront, markiert v–llig auþer Frage steht - denn in ihrer Metamorphose den Beginn der deutschen Nachkriegskunst aus dem Organischen hin zur Abstraktion leitet diese r¸h lernte der Bergarbeitersohn Fritz Winter Bildfolge direkt hin¸ber zum Informel und dem (1908 -1976) aus Unna Schrecken und Faszi- abstrakten Aufbruch nach 1945. Bei diesen Bildern nation des Lebens unter Tage kennen. An diese von Winter nimmt alles - auch der unbedingte Glauben einzigartige Kombination aus Enge und W”rme, an das Reine und Hoffnungsvolle der Abstraktion - Hinabsteigen und Hinaufschauen muss er sich erinnert seinen Ausgang. Winters ªTriebkr”fte der Erde´ legen haben, als er 1944, nach f¸nf qualvollen Jahren an der das Fundament f¸r eine nach einer nur noch abstrakt Ostfront und nach einer schweren Verletzung im zu formulierenden Suche nach positiven Utopien. Genesungsurlaub, zum Pinsel greift. In kurzer Zeit entsteht in seinem Haus in Dieþen am Ammersee die Winter, der seit 1937 als ªentartet´ galt und mit kleinformatige Bildfolge ªTriebkr”fte der Erde´, die zu Malverbot belegt war, w”hlte die kleine Form f¸r seine den kostbarsten und symbolkr”ftigsten Werkgruppen groþe Selbstbesinnung der Kultur inmitten der Barder deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts geh–rt. barei: ªTriebkr”fte der Erde´ erz”hlen vom Glauben an Denn wie die nebenstehend abgebildete Arbeit aus den ewigen Kreislauf der Natur - und von der Kunst dieser Folge demonstriert, stehen diese Bilder, die als ihrer Botschafterin. Auf zarte Weise wird das durch zahllose schwarz-weiþe Skizzen in Kriegszeiten, Vergehende mit dem Werdenden verkn¸pft, im untedie sogenannten Feldskizzen, vorbereitet wurden, ren Teil der Arbeit schlagen die hellen T–ne noch genau an der Schwelle zwischen der deutschen B–gen und knicken wieder ein, doch dann, ganz oben, Vorkriegs- und Nachkriegskunst. So nimmt Winter, gelingt dem hoffnungsvollen Weiþ der senkrechte der 1927 bis 1930 in Dessau am Bauhaus bei Kandinsky Ausbruch aus dem dumpfen Braun der Gegenwart. und Klee studiert hatte, darin nicht nur die poetische Wie Spargelk–pfe schieþt hier der unbeugsame Trotz Natursprache seines Lehrers Klee auf und buchstabiert der Natur durch die Erde nach oben und erz”hlt von sie weiter aus, sondern er ¸bersetzt auch das der unsichtbaren Kraft, die in der Tiefe wohnt. Eine Formenvokabular und das kosmische Weltverst”ndnis Urkraft, die kein Krieg zerst–ren kann und die auch von Franz Marc in die Gegenwart. Ðber Marc wieder- ªtausendj”hrige Reiche´ ¸berleben wird. Es ist eine um wird dabei der Bogen zur Naturmystik der deut- Apotheose der sich selbst erneuernden Natur - und der schen Fr¸hromantiker geschlagen und zur Aufgabes sich selbst erneuernden Kunst. Wer wissen will, welch des K¸nstlers, ªSymbole zu schaffen, die auf die Alt”re tr–stende Kraft groþe Malerei zu spenden vermag, der der kommenden geistigen Religion geh–ren´ (Franz blicke auf Fritz Winters ªTriebkr”fte der Erde´. Marc). markus krause Diesem Anspruch begegnet Winter in dem nun zur Versteigerung gelangenden Bild mit groþer Souver”nit”t: Wenn einen auch die Farbb–gen im unteren Bereich an Marcs Verschr”nkungen von Tier Die Unbesiegbarkeit der Natur

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d i e u n bes i eg ba r k eit d er natu r 49 Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Fritz Winter. ªTriebkr”fte der Erde´. 1944 ÷l ¸ber Monotypie auf Transparentpapier 29,5 × 21 cm Sch”tzpreis: EUR 35.000 - 45.000

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Wir leben Wir sind f¸r alles Wie geht anfangen wie geht erinnern ohne zu vergessen vor mir im Schnee ein Mann sein R¸cken einsam d¸ster wie geht anfangen nicht erinnern Lichtblitze die ihm als Junge Bilder zeigten kurz und grell sieh im Licht die Schatten wie geht nicht erinnern horch das Zischen sieh das Licht und Deutschlands Leichtigkeit wie hell ist Deutschland wie Ruþ wie Bilder kurz und grell wie geht Anfangen riech den Schnee er ist neu gefallen in der Nacht im Dunkeln geht vergessen in Bildern kurz horch den Schnee ganz leicht liegt er wie Leinen etwas brennt ein Zischen d¸ster wie Bilder nachts an W”nden horch das Zischen riech den Brandgeruch sieh das Ruþ auf weiþem Grund da nie l a da n z daniela danz, 1976 in Eisenach geboren, gilt seit ihrem Gedichtband ªPontus´ als eine der wichtigsten Lyrikerinnen ihrer Generation. F¸r sie erz”hlt Pienes ªRauchbild´ eine genaue Geschichte des Westdeutschlands der sechziger Jahre.

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Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Otto Piene ªOhne Titel (Rauchbild)´. 1962 ÷l und Ruþ auf Leinwand 78 × 100 cm Sch”tzpreis: EUR 40.000 - 60.000

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Die Monde von Dresden uw e t e llk amp, der Schriftsteller und Arzt, ¸ber ein neu entdecktes Skizzenbuch des K¸nstlers und Arztes Carl Gustav Carus

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d ie m o n d e vo n d res d en 53 arl Gustav Carus, 1789 in Leipzig geboren und 1869 in Dresden gestorben, Briefpartner Goethes und Humboldts, Teilhaber der Dresdner Romantik um Weber, Caspar David Friedrich, Tieck, wurde 25j”hrig zum Professor der Chirurgisch-Medizinischen Akademie in Dresden und zum Direktor der Hebammenschule berufen, seine Dienstwohnung befand sich im Oberzeugw”rterhaus, das nicht mehr existiert, neben dem Kurl”nder Palais, das im Zweiten Weltkrieg zerst–rt werden sollte und die Akademie bis zu ihrer Schlieþung 1864 beherbergte. Nach der Zerst–rung war es lange Ruine, im Kellergew–lbe befand sich von 1981 bis 1997 der Jazzclub ªTonne´, ein weit ¸ber die Grenzen Dresdens hinaus bekannter Ort f¸r unkonventionelle Kunstaus¸bung. Das Kurl”nder Palais war auch sonst kein gew–hnlicher Bau - in den Kellerr”umen tagte die von August dem Starken gegr¸ndete ªSocietÈ des antisobres´ (Gesellschaft von N¸chternheitsgegnern), 1738 wurde hier die erste Dresdner Freimauererloge gegr¸ndet (ªZu den drei Schwertern´), sp”ter, als der Herzog von Kurland im Palais wohnte, nach dem das Palais seinen Namen hat, galt es als ein Zentrum f¸r Mystiker und Geisterbeschw–rer. Carus war K¸nstler und Naturwissenschaftler. Es geh–rte wohl zu den produktiv machenden Spannungen dieser Doppelveranlagung, daþ der Naturwissenschaftler, als praktizierender Geburtshelfer, Leben in einem unmittelbaren und auch durchaus drastisch zu verstehenden Sinn zur Welt verhalf, w”hrend der K¸nstler, der Maler vor allem, im Bann von Kreuz, Tod und Ruine stand, menschenleere Landschaft bevorzugte, abweisende Gebirgsszenerien, Eis. 2 | Der Arzt allgemein, der Chirurg im besonderen, verletzt, um heilen zu k–nnen, oft kann er sich nicht sicher sein, was Heilung bedeutet. Unter dem op-Licht liegt die nackte, desinfizierte Haut, die Zeichen der Atmung sind zu erkennen. Der erste Schnitt wird eine unwiderrufliche Spur hinterlassen, einen begrenzten, f¸r den h–heren Zweck des Lebens bewuþt gesetzten Tod. Setzt der Maler den Stift auf das weiþe Papier und zieht eine Linie, beginnt die Verletzung des Papiers, und ebenso wie der chirurgische Prozeþ muþ auch dieser gut ausgeleuchtet sein, sachlich, wach, konzentriert vonstatten gehen. Die unaufl–sliche Wechselwirkung, oft ja auch Symbiose von Krankheit und Leben, ist ein Haupttopos der Romantik, auch hierin war Carus (und selbst Caspar David Friedrich) bereits Goethes Sch¸ler. Mit Goethe beginnt die Romantik (vor allem der strebende Faust ist keine klassische Idee); mindestens war die Romantik eine von Goethes M–glichkeiten. Die Carussche Romantik, in die Ern¸chterungsb”der des Wissenschaftlers getaucht, erscheint mir angenehm k¸hl und klar, wie die Musik Weberns, Lutoslawskis, BartÛks, sie ist nicht ¸berhitzt Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Carl Gustav Carus, Skizzenbuch mit 30 Zeichnungen. 1861-1863 11 × 18,5 cm Sch”tzpreis: EUR 12.000 - 15.000

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5 4 d i e m ond e von d resden und rauschhaft, eher kristallin, ohne trocken oder gar steril zu sein, es gibt hier keinen Schleim wie oft beim Jugendstil, keine Ðberz¸chtung, sondern eine Balance der Mittel, von Impuls und Form, die sich in der romantischen Moderne, etwa bei Paul Klee und noch bei Gerhard Altenbourg, fortsetzt. Die K¸hle (und das ist die Form) treibt die Intensit”t hervor, nicht das pathetische Farbgebr¸ll und Geklecker, der Schneidbrenner wird im Kopf des Betrachters (oder Lesers) scharf gestellt, nicht auf dem Bild, dort wird das Feuerzeug gezeigt, das ihn anz¸nden wird. 3 | Seit 1834 bewohnt Carus die Villa Cara in der Groþen Borngasse, Tieck gibt Rezitationsabende, Wilhelmine Schr–der-Devrient, gefeierte Operndiva des 19. Jahrhunderts, singt Lieder, Caspar David Friedrich ist zu Gast, man lauscht dem Klavierspiel der kleinen Clara Wieck, sp”ter verheiratete Schumann. Carus entdeckt den Blutkreislauf der Insekten. Universalgeist, Naturphilosoph, Arzt und Maler, Mitglied der DanteGesellschaft des K–nigs Johann von Sachsen, Vorsitzender der Wissenschaftsakademie Leopoldina, Gr¸bler, der den Geheimnissen des Menschen nachsinnt, eine Goethe-Biographie und ªNeun Briefe ¸ber Landschaftsmalerei´ schreibt, Lehrb¸cher zur Gyn”kologie und zur Vergleichenden Anatomie, die an der Leipziger Medizinischen Fakult”t bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts zitiert werden, Angeh–riger einer um das Zentralgestirn Goethe gruppierten Gilde, zu der Namen wie Novalis, B¸chner, Manley Hopkins, Wentworth Thompson, Ponge, Fabre, J¸nger, Benn geh–ren, stilles, unaufgeregtes Fortwirken, Zusammenschau der Ph”nomene, Besch”ftigung mit der Metamorphose der Pflanzen, Knochenbau, Grabwespen, K”fern, Kieselsteinen, den verschiedenen Formen von Wimpern; meilenweit entfernt von Twitter-Aufgeregtheiten, Blogosph”ren-Geschw”tz und Mediengedr–hn, das alles, was es nicht kennt und in seiner Erfahrungs-Pubert”t schon einmal selbst erlebt hat, f¸r wunder wie neu, schrecklich oder sogar nie dagewesen h”lt. 4 | Zeit, als man einander noch pers–nlich und nicht bei Facebook traf. Als man die Kunst des Gespr”chs noch kannte und sich als Teil einer weit ¸ber die Gegenwart fortdauernden Bem¸hung um den Sinn des Lebens und das R”tsel des Menschen begriff. Man sollte nicht verkl”ren, selten waren solche Zeiten und Geister immer, doch hatte Carus in Dresden stets eine unentwegte Anh”ngerschaft, sie besaþ die Carusb¸cher aus dem Wolfgang Jess Verlag, edel gedruckt und gutgeh¸tet, denn den Verlag gab es nicht mehr, er war unter beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts enteignet worden. In der Galerie Neue Meister hing das Bildnis ªEichen am Meer´, von dem die Fama behauptete, es sei darauf die Insel Vilm dargestellt, jenes bis 1989 f¸r Normalb¸rger unzug”ngliche Eiland

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Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Carl Gustav Carus ªBlick ¸ber abendliche Felder auf ein Geh–ft´. 1819 ÷l auf Leinwand, 17 × 25 cm Sch”tzpreis: EUR 60.000 - 70.000

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5 6 di e m ond e von d resden s¸dlich von R¸gen, auf dem der Ministerrat der ddr Urlaub machte und selbst der Genosse Generalsekret”r, da kein Minister, nur als Gast seiner Gattin, der Volksbildungsministerin, auftrat. Man konnte sich einbilden, von Dresden aus einen verbotenen Blick in dieses Sperrgebiet werfen zu k–nnen. So kam Carus sogar unter die real existierenden Dissidenten. 5 | 1861 erscheint das naturphilosophische Hauptwerk ªNatur und Idee oder das Werdende und sein Gesetz´. Naturphilosophie ist die Grundlage der Naturforschung, nicht deren irrationales Anh”ngsel. Naturphilosophie ist das eigentliche Erkenntnisziel der Naturforschung, soll den erkennenden Menschen in die Lage versetzen, dem Gang der Natur geistig nachzufol- Carl Gustav Carus ªZwei Geier´ (aus dem Skizzenbuch). 1861 Bleistift auf Papier 10,3 × 17,5 cm gen; Natur und Ich sind nicht getrennt, sondern finden sich im Absoluten (Carus ¸bernimmt das von Schelling), sind ªgleiche Emanationen h–chster Wesensart´. Carus ist kein Darwinist. Er ist auch nicht kompatibel mit der heutigen faktenorientierten, dem Begriff abstrakter Wahrheit manchmal allzu unreflektiert folgenden Wissenschaft, die glaubt, daþ wir schon etwas w¸þten, wenn wir sechs Seiten Basensequenzen des menschlichen Genoms ver–ffentlichen. Wie –de liest sich die ¸berw”ltigende Mehrzahl heutiger wissenschaftlicher Schriften im Vergleich zu Carus' (und nicht nur seiner) Arbeiten. Fr¸her schrieb man besser. Die Auseinandersetzung mit dem scheinbar abgetanen Gedankengut der Naturphilosophie lohnt sich, es ist fraglich, ob wir wesentlich dar¸ber hinausgekommen sind, problematisch, wie manche Thesen gleichwohl sind (Einteilung der

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d i e m o n d e vo n d res d en 57 Menschheit in Tag- und Nachtv–lker, –stliche und westliche D”mmerungsv–lker). Die Natur als allgemeine Form des Ich; Aufgabe der Naturphilosophie im Carusschen Sinn ist es, von der Vielfalt der Ph”nomene (Chaos) zum einigenden Prinzip (Idee) zu gelangen, das Absolute, die in der Natur wirkende Weltvernunft, sichtbar zu machen. Sinn und Ziel des Kosmos, der Einheit von Sinn und Werden, ist der Mensch, sagt Carus. G–ttliche Gesetze ª... beth”tigen sich ... mit eiserner Notwendigkeit´, gelangen aber nur dann zur ªFreiheit der Selbstbestimmung´, wenn ªbei Wiederspiegelung des G–ttlichen selbst in Form des Geists hervortritt´; ª... eine Spiegelung, deren eigne Vollendung jedoch wieder nur dadurch vollkommen erreicht wird, daþ sie ihre erlangte Freiheit den allgemeinen Gesetzen opfert, oder vielmehr, daþ sie von da an nur in Uebereinstimmung mit derselben sich beth”tigt, und so also im Carl Gustav Carus ªWaldboden mit Felsen´ (aus dem Skizzenbuch). 1861 Bleistift auf Papier 10,3 × 17,5 cm eigentlichen Sinne in Gott wieder eingeht´. Reinhard Mocek, der Carus' Naturphilosophie intensiv untersucht hat, bezeichnet diesen Gedanken als deren Grundidee. 6 | Kupferstichkabinett, in Betrachtung einiger Carusscher Zeichnungen. Ich mache mir Gedanken ¸ber Begriffe wie Ðbung, Entwurf, architektonisches Kapital und Bed¸rfnis, die Skizze, die ihr eigenes Recht behauptet und dem sogenannten fertigen Werk nicht immer unterlegen ist. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollkommenheit oder Vollendung, sagt: Ich bin vorl”ufig, alles, was einengt, kommt sp”ter. Sie wird meist f¸r etwas anderes gemacht, dient der Vorbereitung, und diese Haltung, die Ent-

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5 8 d i e m ond e von d resden deckerlust gleichwohl kennt, sie nicht selten sogar auf unbekannte und befl¸gelnde Weise entbindet, kann Freiheit bedeuten, Befreiung: Die Skizze muþ nichts beweisen, es droht nicht sofort das Groþe Ganze, der Stift darf spazierengehen und Beobachter des Augenblicks sein - der freilich, sagt Schiller, der m”chtigste aller Herrscher ist. Carl Gustav Carus ªAdler´ (aus dem Skizzenbuch). 1861 Bleistift auf Papier 10,3 × 17,5 cm uwe tellkamp, Jahrgang 1968, hat mit ªDer Turm´ den groþen deutsch-deutschen Roman geschrieben. R¸ckseite: Aus unserer Auktion am 25. November 2011 Ernst Wilhelm Nay. ªWeizengelb´. 1962 ÷l auf Leinwand. 200 × 140 cm Sch”tzpreis: EUR 200.000 - 300.000 7 | Betrachte ich die Bl”tter des vorliegenden Skizzenbuchs, den Greifvogelkopf, die beiden ebenso professoral wie besitzstandswahrend auf ihren Berggipfeln thronenden Geier (jeder scheint auszudr¸cken: Hier sitze ich, ich will nicht anders), die Ansichten von G”rten und Fluþperspektiven, steigen die ªCarus-Sachen´, wie mein Vater sagte, wieder auf, als geh–rten sie zu ihm, zu Carus und mir: Besuche im Tierkundemuseum im St”ndehaus an der Br¸hlschen Terrasse, das stundenlange Alleinsein in den Insektensammlungen, die Schublade mit den Blauraken, in Sachsen l”ngst ausgestorben, Vaters Erz”hlungen ¸ber Carus' Sommerpraxis unter den Chinoiserien von Schloþ Pillnitz, in das er, als k–niglicher Leibarzt, dem Hof zu folgen hatte, Wanderungen entlang der H”nge des Borsbergs und der Rysselkuppe, an denen, in der bevorzugten Lage des Elbtals, ein ungew–hnlich s¸dlicher Wein reift. Der leichte Strich suggeriert die Leichtigkeit dieser Landschaft zwischen S–brigen und Meiþen, die Anmutung, es hier mit einer italienischen, mediterran gelassenen K¸ste zu tun zu haben, und tats”chlich trifft das ja eine Wahrheit, wenn auch nicht die ganze. Aber wenn es jemals den Versuch geben sollte, das Paradies nachzubauen - ein St¸ck Elbhang, Pillnitz und sein Schloþpark, die im Wasser vor der Vogelinsel gespiegelten Treppen m¸þten dabei sein.

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Jubil”umsauktionen 24. - 26. November 2011 in Berlin Einlieferungen jetzt erbeten! 25 Jahre Villa Grisebach Jubil”umsauktionen 24. - 26. November 2011 in Berlin Villa Grisebach Auktionen GmbH Berlin Bernd Schultz / Micaela Kapitzky / Dr. Markus Krause / Florian Illies Fasanenstraþe 25 D-10719 Berlin Telefon +49-30-885 915-0 Telefax +49-30-882 41 45 auktionen@villa-grisebach.de Dortmund Wilfried Utermann Galerie Utermann Silberstraþe 22 D-44137 Dortmund Telefon +49-231-4764 3757 Telefax +49-231-4764 3747 w.utermann@villa-grisebach.de Repr”sentanzen Norddeutschland Stefanie Busold Sierichstraþe 157 D-22299 Hamburg Telefon +49-40-46 00 90 10 busold@villa-grisebach.de Rheinland/Ruhrgebiet/Benelux Villa Grisebach Auktionen Daniel von Schacky Bilker Straþe 4-6 D-40213 D¸sseldorf Telefon +49-211-86 29 21 99 schacky@villa-grisebach.de Baden-W¸rttemberg Dr. Andrea Jahn Liststraþe 70 D-70180 Stuttgart Telefon +49-711-470 97 22 jahn@villa-grisebach.de Bayern Villa Grisebach Auktionen DorothÈe Gutzeit Prannerstraþe 13 D-80333 M¸nchen Telefon +49-89-22 76 32/33 gutzeit@villa-grisebach.de Westfalen Donata von Daniels Barkhauser Weg 22 D-33818 Leopoldsh–he Telefon +49-5202-20 22 daniels@villa-grisebach.de Hessen Dr. Arnulf Herbst Aystettstraþe 4 D-60322 Frankfurt a. M. Telefon +49-69-97 69 94 84 herbst@villa-grisebach.de Schweiz Villa Grisebach Auktionen AG Verena Hartmann Bahnhofstraþe 14 CH-8001 Z¸rich Telefon +41-44-212 88 88 auktionen@villa-grisebach.ch USA/Kanada Villa Grisebach Auctions Inc. Monika Stump Finane 120 East 56th Street, Suite 635 USA-New York, NY 10022 Telefon +1-212-308 07 62 auctions@villa-grisebach.com IMPRESSUM GRISEBACH KUNST, MENSCHEN, WERTE Das Journal Erste Ausgabe, Herbst 2011 Auflage: 30.000 Exemplare © Villa Grisebach Auktionen GmbH Fasanenstraþe 25 … 10719 Berlin Redaktion: Florian Illies (V.i.S.d.P.) … Villa Grisebach Konzept & Gestaltung: Groothuis, Lohfert, Consorten www.glcons.de … Hamburg Koordination: Daniel Lamprecht … Villa Grisebach Fotos der Kunstwerke: Karen Bartsch … Fotostudio Bartsch … Berlin Lithographie: Ulf Zschommler … Villa Grisebach Lithographie, Druck und Bindung: K–nigsdruck GmbH … Berlin Bildnachweise: © VG Bildkunst, Bonn 2011 (Seiten 4, 5, 12/13, 15, 16/17, 20/21, 49, 51) © Elisabeth Nay-Scheibler, K–ln/ VG Bild-Kunst, Bonn 2011 (R¸cktitel) © Martin M¸ller … Berlin (Seite 24) © H. K¸hn (Rechtsnachfolge), 2011 (S. 25, 26) © Marek Pozniak … Berlin (Seiten 32-39) Fasanenstraþe 25 … D-10719 Berlin Telefon: +49-30-885 915-0 Telefax: +49-30-882 41 45 Weitere Informationen und alle Termine unter www.villa-grisebach.de

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kunst, menschen, werte Das Journal kunst, menschen, werte Das Journal Grisebach | kunst, menschen, werte | Das Journal | Erste Ausgabe, Herbst 2011 Erste Ausgabe, Herbst 2011 Mit Beitr”gen von Georg Baselitz, Wolfgang B¸scher, Florian Illies, Claus Kleber, Daniela Danz, Peter Raue, Gustav Seibt, Uwe Tellkamp und Wilfried Wiegand